Apropos LEAN: Eine kritische Bilanz!

In den letzten Monaten konnte in der DACH-Region beobachtet werden, dass Lean wieder vermehrt im Gespräch ist und häufiger eingesetzt wird. Die Ausprägung hat jedoch teilweise eine starke Tendenz in die falsche Richtung. Alles ist Lean und selbstverständlich kann es jeder. Dies hat negative Auswirkungen auf die Unternehmungen. Denn was viele nicht wahrhaben wollen: Falsch angewandtes Lean kann massiven Schaden anrichten.
Dieser Beitrag soll diejenigen Berater und firmeninternen Experten beleuchten, die sich „Lean“ auf die Flagge schreiben und oft keinen Dunst von der Materie haben.
Lean braucht Zeit

Wir alle haben irgendwann damit begonnen Lean zu erlernen, zu erforschen und in der Praxis anzuwenden. Jeder von uns hat unterschiedliche Erfahrungen und Vorlieben. Und natürlich auch Wissenslücken. Das bedeutet: Keiner ist je perfekt, man täuscht sich gelegentlich und erzählt dabei im schlimmsten Fall Unwahrheiten. Deshalb sollte jeder sein Wissen sowie die nötigen Fähigkeiten ständig verbessern und erweitern. Wie vieles im Leben, ist Lean umfassend und benötigt einiges an Lernzeit sowie den eisernen Durchhaltewillen. Unser aller Ziel ist möglichst viel zu verstehen und anwenden zu können.

Denkanstoss

Vor einiger Zeit wurde auf LKB der spannende Artikel „Brauchen wir ein neues Lean?“ von Ralf Volkmer veröffentlicht. Ein Zitat daraus: „Was es braucht, ist endlich die Einsicht, dass hinter Lean, Kaizen, KVP & Co. mehr als nur eine Methodensammlung steckt, welche beliebig über Prozesse gestülpt werden kann.

Nicht nur wird beliebig etwas über Prozesse gestülpt. Nein, man mischt gerne noch etwas hinzu. Beispielsweise Methoden aus anderen Systemen. Eine bekannte Lean-Beratungsfirma verbindet EFQM und Lean. Natürlich ist es möglich, beides nebeneinander zu betreiben, aber dennoch bleiben es zwei Paar Schuhe. Dr. Gerhard Wohland hat es am diesjährigen PM Camp in Dornbirn deutlich gemacht. Man muss zuerst strickt trennen, um zusammenfügen zu können.

Einfach und doch nicht

Im Grunde genommen kann jedes Kind, welches des Lesens mächtig ist, einen Teil von Lean  verstehen und anwenden. Dies gilt besonders für die Einzelanwendung einer der vielen Methoden. Schwieriger wird es, diese passgenau anzuwenden. Schwer ist es, die ganzen Zusammenhänge zu erkennen und sich entsprechend darin zu bewegen. Eine Herausforderung ist die firmenweite Einführung, den Betrieb sowie die Weiterentwicklung.

Wir wissen nicht alles

Ein Teil der Berater-Branche kann schlicht alles. Hauptsache es fliesst genügend Geld. Manche Kunden verstehen nicht, dass wir keine Halbgötter sind, sondern nebst unserer Spezialisierung in der Regel zwar über ein breites Wissen verfügen, aber nicht überall den Status eines Experten besitzen. Wir können nicht alles. Das kann niemand.

Halbwissen schadet

Die fehlerhafte Anwendung von Lean, basierend auf Halbwissen bis hin zu völliger Unwissenheit, hat negative Auswirkungen auf die Unternehmung. Beispiele gibt es (leider) jede Menge. Manchmal gibt es dabei amüsante Momente. Besonders, wenn man daneben steht und seinen Ohren kaum traut. Ein Kollege, der Software entwickelte, wurde kürzlich Berater. Wir standen in einer Produktionshalle und er sprach von der Einführung von Kanban-Boards, um die Bestände zu kontrollieren. Aufgezeichnet hat er Personal Kanban. Dass Kanban im Lean etwas anderes ist und ein anderes Prinzip verwendet, ist ja egal.

Wenn Lean Development mit Agile, Scrum und Design Thinking gleichgesetzt wird, komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Ganz schlimm ist es, wenn inzwischen bis auf Hochschulniveau derartiges „Wissen“ vermittelt wird. Kaum zu glauben, aber mancherorts traurige Realität. Auf Nachfrage hin schiebt man die Verantwortung auf eine externe Firma.

An dieser Stelle einen herzlichen Gruss an die Büroausstatter, welche mir regelmässig einen 5S-Tisch, eine Muda-Drehtafel oder ein Kanban-Gestell verkaufen möchten.

Wir machen 5S in der Logistik, sind voll auf Muda ausgerichtet und beginnen bald mit der Senkung der Rüstzeiten im Office.“ Stammt aus dem Mund eines Lean-Verantwortlichen! Wobei ich gerne zuschauen möchte, wie die Rüstzeit beim Wechseln des Papiers oder Toners beim Drucker gemessen wird.

Die Aussage eines Experten, dass Lean nicht überall anwendbar sei, zeigt überdeutlich wie wenig Wissen vorhanden ist. Letztlich wird jeder, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, auf die gleiche Stufe gestellt.

Ebenso betrachte ich das Copy/Paste-Verfahren ganzer Lean-Workshops ohne tiefgehendes Verständnis für die Materie als äusserst fragwürdig. Letztlich wird der Interessent betrogen, denn vorgegaukeltes Wissen ist keines.

Das Gleiche gilt für die Beratungsfirmen, welche Methoden durch Anfänger teuer an den Kunden bringen und sich als „Kenner der Materie“ ausgeben.

Zwischenfrage: Interner Berater oder Externer?

Dieser Frage ging Johann Anders in seinem Blog nach. Ich bin mit ihm einig, dass es alle drei erwähnten Möglichkeiten braucht. Wenn die externe Kraft jedoch zu wenig Ahnung von Lean hat und dieses niedrige Level weiterreicht, so kann die interne Person niemals wirklich gut werden und ebenso wenig das brachliegende Potenzial ausschöpfen.

Nicht alles ist Lean

Selbstverständlich ist alles, was eine positive Wirkung auf ein Unternehmen hat, begrüssenswert. Doch das bedeutet nicht, dass alles etwas mit Lean zu tun hat.

Johann Anders hat einen Artikel zu erfasst, was nicht Lean ist. Bereits diese Aufzählung beeindruckt so manchen Kunden, da ihm ganz andere Sache erzählt wurden. Jan Bieler hat ebenfalls eine gute Sammlung zusammengestellt, was Lean garantiert nicht ist.

Wobei selbst die erfahrenen Lean-Berater gelegentlich interessante Ansätze verkaufen. Da werden altbekannte Methoden zur Prozessaufnahme im Quer- statt Hochformat dargestellt und mit einem gut klingenden Namen wie z.B. „Tätigkeitsanalysen-Audit“ versehen. Fertig ist das neue Tool.

Lean ist kein Projekt!

Ein ganz wichtiger Punkt. Die Einführung von Lean und das Betreiben ist eine nicht endende Reise. Die Aufgleisung kann projektartig erfolgen. Doch ist Lean weder ein Projekt, noch ein Programm. Wer sich mit diesen beiden Begrifflichkeiten schwer tut, dem empfehle die Basisliteratur des Projektmanagements zu studieren.

Wissen zurückhalten

Persönlich nervt es mich, wenn selbst wirklich gute Beratungsfirmen offensichtlich keine Lust mehr haben, korrekt zu arbeiten. Immer wieder treffe ich auf Menschen, die über ihre Erfahrungen mit Lean in ihrer Unternehmung berichten. Dabei stelle ich fest, dass seitens der Berater absichtlich Wissen zurückbehalten wird. Nach dem Motto: Je länger der Kunde mit Halbwissen berieselt werden kann, desto mehr Kohle gibt es für uns. In der Schweiz ist dies gerade stark im Healthcare-Bereich festzustellen.

Aussprechen, was andere denken

Ich gehe davon aus, dass einige Personen beim Lesen einen Anfall von Schnappatmung bekommen werden und mich auf einen fernen Planeten wünschen. Mir ist absolut bewusst, dass ich die eigene Branche mit meinen Aussagen massiv angreife. In den letzten 1,5 Jahren habe ich gelernt, dass es Zeiten gibt, in denen auszusprechen ist, was andere nur denken. Sonst ändert sich überhaupt nichts.

Respekt muss man sich verdienen

Habe grossen Respekt vor allen, die sich seriös dem Thema Lean und dessen Facetten widmen und mit Leidenschaft an sich arbeiten.
Die anderen „Lean-Experten“ verdienen keinen.

Autor: Frédéric Jordan

Über Frédéric Jordan 5 Artikel
Frédéric Jordan ist als Organisations- und Managementberater in Stäfa am Zürichsee für die Grossregion Zürich tätig. Er unterstützt Unternehmen jeglicher Grösse, welche ganzheitliche oder punktuelle Optimierung anstreben, Beratung in organisatorischen Themen benötigen oder Begleitung für Ihre Veränderungsprojekte suchen.
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