Die Welt am Abgrund

Weshalb die Wirtschaft die Hauptverantwortung trägt!

Nun ist also das eingetreten, was viele befürchtet aber nicht erwartet haben: Die USA bekommen voraussichtlich ab Januar 2017 einen Präsidenten, der offen rassistisch ist, Frauen missachtet und extrem geblendet von einem krankhaften Egoismus ist.
In Europa jubeln die fragwürdigen radikalen Parteien und hoffen auf Aufwind bei den anstehenden Wahlen. Die Welt steht vor dem Abgrund einer Wendung in Richtung Vergangenheit – einer sehr dunklen Vergangenheit, in der es Menschen unterschiedlicher Wertigkeiten gibt und Freiheit nur für diejenigen, die den autoritären Machthabern in den Kram passen.
Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?
Abgehängte Menschen

Es wäre zu einfach, wenn wir die Wähler solcher Kandidaten und Parteien schlicht als „dumm“ bezeichnen würden. Sicher ist jedoch, dass diese Menschen in den meisten Fällen nicht sachlich und überlegt gewählt haben, sondern getrieben wurden von Frust und Wut, ohne dabei die fatalen Konsequenzen ihrer Wahlentscheidung zu überblicken. Die Wähler muss man sicher als naiv bezeichnen, denn es dürfte jedem, der sachlich über Kandidaten wie Trump oder Parteien wie AFD, FPÖ, FN und viele andere nachdenkt, klar sein, dass diese keine Probleme lösen – im Gegenteil.

In diesen Tagen wird oft über die Ursachen für den Frust der Wähler gesprochen. Dabei wird häufig die Frage gestellt, an welchen Stellen Politik und Medien versagt hätten. Sicher ist diese Frage berechtigt, jedoch fehlt mir dabei eine ganz entscheidende Instanz, nämlich die Wirtschaft. Seit vielen Jahren rede ich mir den Mund fusselig, dass wenn die Wirtschaft ihrer sozialen Verantwortung nicht nachkommt, soziale Spannungen zu großen Problemen führen werden. Ich wurde immer wieder als „Sozialromantiker“, sogar als Kommunist, beschimpft. Noch vor wenigen Wochen wurde mir unterstellt, ich hätte die Mechanismen der Wirtschaft nicht verstanden, als ich sagte, dass das Ziel eines Unternehmens nicht Geld verdienen sei und Profit nur Mittel zum Zweck sein dürfe.

Die Verantwortungslosigkeit der Wirtschaft

Jetzt wird das Problem immer deutlicher sichtbar. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Politik, beeinflusst von den Lobbygruppen der Wirtschaftsunternehmen, den Märkten immer mehr Freiraum gegeben. Dahinter steckte die Annahme, dass sich der Markt von selbst reguliert und Regelwerke überflüssig seien. Auch nach dem Crash 2009, der keine Finanz- sondern eine Vertrauenskrise war und noch lange nicht beendet ist, hat man nichts gelernt, es wurde weitergemacht wie davor. Nicht nur in unseren Gesellschaften, sondern auch weltweit wurde und wird die Spreizung zwischen Arm und Reich immer größer. Betrachten Sie die Reallohnsteigerungen normaler Arbeitnehmer und dazu die Vermögenszuwächse bei den Wohnhabenden.

Die durch Optimierungen, unter anderem durch das „Implementieren“ von „Lean“, resultierenden Verbesserungen und Produktivitätssteigerungen kamen lediglich denen zugute, die schon wohlhabend sind. Getreu dem Motto: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“. Die breite Masse der Gesellschaft profitierte nicht von den Steigerungen von Produktivität und höheren Profiten, obwohl sie das Rückgrat dieser Steigerungen waren und sind. Das Gegenteil ist eher der Fall, der Niedriglohnsektor hat sich in vielen Ländern stark vergrößert.

Man kann das Problem vereinfacht gesagt auf zwei wesentliche Ursachen reduzieren.

  1. Das Menschenbild: Viele Verantwortliche in der Wirtschaft sehen den Menschen als eine Ressource und behandeln ihn auch so. Im Idealfall möchte man auch den Menschen, ähnlich wie eine Maschine, loswerden, denn er verursacht nur Kosten. Eine Automatisierung ist immer die bessere Alternative, sofern es „sich rechnet“ und es technisch möglich ist, da Maschinen keine Forderungen stellen und nicht krank werden.
  2. Die Gier ist eine Krankheit, die auf diesem Planeten ausschließlich den Menschen betrifft. Nur ganz wenige Personen auf diesem Planeten verfügen über den Großteil des Vermögens. Dennoch streben viele von ihnen nach noch mehr und lehnen eine Besteuerung von höheren Einkommen und Vermögen sowie eine gerechtere Verteilung strickt ab.

Es ist ein Kampf zwischen Arm und Reich, zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“. Folglich sind der Ärger und der Frust vieler Wähler, die Trump gewählt haben und in Europa die oben genannten fragwürdigen Parteien wählen, grundsätzlich verständlich. Ihre Schlussfolgerung und Entscheidung, menschenverachtende Parteien oder Kandidaten zu wählen, ist dennoch falsch.

Wir stehen tatsächlich vor einer Zeitenwende. Die aktuellen Umstände sind beunruhigend und machen vielen zurecht Angst. Es kann aber auch eine Chance sein. Wir können daran arbeiten und mitwirken, dass sich die Wirtschaft gemeinsam mit der Politik ihrer Rolle und Verantwortung für die Gesellschaft bewusster wird. Die Wirtschaft muss der Gesellschaft dienen, nicht umgekehrt. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, Wirtschaft muss für die Menschen da sein. Bestimmte Branchen sind heute ein reiner Selbstzweck und leisten keinen Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Wohl. Solche Branchen kann es in einer lebenswerten Zukunft nicht mehr geben.

Es muss sich vieles grundlegend ändern

Die Wirtschaft steht vor einem radikalen Paradigmenwandel. Die Erfolgsrezepte der Vergangenheit haben ausgedient. Es ist wieder mehr Verantwortung und die Abkehr von Profitorientierung erforderlich.

  1. Geld verdienen darf kein Ziel sein, sondern muss vielmehr als Notwendigkeit verstanden werden. Ziel muss es sein, langfristig existieren zu können. Unternehmen, die primär auf Profitmaximierung ausgerichtet sind, handeln oft ausbeuterisch und verantwortungslos und schaden sich mittelfristig selbst.
  2. Der Mensch muss als wertvolle Quelle der Verbesserung und als die Seele eines Unternehmens gesehen und nicht auf einen reinen Kostenfaktor reduziert werden. Verbesserungen in Form von Produktivitätssteigerungen dürfen nicht nur als Gewinn für Management und Shareholder mitgenommen werden, sondern die Mitarbeiter in einem Unternehmen müssen in gleichen Maß davon profitieren. Nur so kann auch eine konsumierende Gesellschaft erhalten bleiben, denn sonst muss ein Wirtschaftssystem irgendwann kollabieren, wenn niemand mehr da ist, der etwas konsumieren könnte.
  3. Der Fokus auf immerwährendes Wachstum ist längst überholt. Unternehmen können in bestimmten Perioden wachsen, aber es darf und muss auch Perioden ohne Wachstum geben. Stattdessen ist Veränderung, mitunter auch eine sehr schnelle Veränderung, gefragt. Hier spielen die Mitarbeiter als Erfahrungs- und Wissensträger eine wichtige Rolle.
  4. Unternehmerische Entscheidungen müssen immer im Gesamtkontext von Gesellschaft und Umwelt getroffen werden. Nur so können Unternehmen langfristig existieren.

Nur auf diese Art und Weise kann es mit einer Nachhaltigkeit wirklich ernst gemeint sein. Solange Entscheider in der Wirtschaft, aber auch in der Politik, dies nicht begreifen, wird es weiterhin zu sozialen Spannungen kommen, die uns unter anderem so unberechenbare und fragwürdige Menschen wie einen Donald Trump in einflussreiche Ämter spülen.

„Nachhaltigkeit“ ist ein Begriff, der aktuell immer wieder sehr inflationär gebraucht wird und fast eine Art von Lifestyle für Unternehmen darstellt. Es steckt aber weit mehr dahinter, das ist nicht einfach nur ein cooler Begriff, sondern eine Lebenseinstellung. Die Frage wird sein, wer es wirklich ernst damit meint.

Wir sollten die aktuelle Situation nicht unterschätzen, sie ist kritisch. Aber sie ist auch eine große Chance, diesen Paradigmenwandel wirklich ernst zu nehmen. Dann werden sich die Frustrierten und Wütenden wieder mitgenommen fühlen und der Nährboden für Trump, AFD, FPÖ, FN und andere kann trockengelegt werden. Packen wir es an!

Autor: Dr. Mario Buchinger


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Über Dr. Mario Buchinger 15 Artikel
Dr. Mario Buchinger kommt aus Österreich und arbeitet selbstständig als Kaizen-Trainer, Management-Coach und Unternehmensentwickler. Zu seinen Kunden gehören neben Unternehmen aus der produzierenden Industrie auch Firmen aus der Finanzwirtschaft, der Informationstechnologie sowie der Bauwirtschaft. Mario Buchinger war viele Jahre bei Daimler und Bosch aktiv. Als interner Berater und Führungskräftetrainer begleitete er die Organisation hin zu einer kontinuierlichen Verbesserungskultur in allen Bereichen und auf allen Führungsebenen und setzte weltweit Verbesserungsaktivitäten an verschiedenen Produktionsstandorten um. Er ist ausgebildeter Lean-Manufacturing-Consultant und wurde unter anderem durch ehemalige Toyota-Manager in Deutschland und Japan zum Kaizen-Trainer und Lean Experten ausgebildet. Ehrenamtlich ist er Mitglied des Beirats der „Wertekommission - Initiative Werte Bewusste Führung“. Deren Ziel ist es, mehr werteorientierte Führung in Wirtschaft und Gesellschaft zu bringen.
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Dr. Mario Buchinger

 

Kaizen-Trainer und Lean-Experte, Autor, Musikproduzent
Buchinger | Kuduz

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