1. (Un-)Konferenz | Neue Konzepte für Neue Arbeit

Warum Politik und Kunst genauso wichtig ist, wie Wirtschaft

Am 15.06. findet in Berlin die 1. (Un-)Konferenz  | Neue Konzepte für Neue Arbeit statt. Veranstalter ist priomy, die Plattform für selbstbestimmte Arbeit, die am 08.03. anlässlich der LATC18 online gegangen ist.
Die Veranstaltung wendet sich an alle, die sich für New Work, mehr Partizipation, Selbstorganisation und Agilität interessieren.
Wir haben für euch mit Andreas gesprochen, warum sie nicht nur Sprecher und Referenten aus der Wirtschaft eingeladen haben, sondern der Politik und Kunst einen gleichberechtigten Raum geben.


 

RALF: Andreas, sag mal, noch eine Veranstaltung zu dem Thema, ist das nicht ein bisschen viel?

Andreas: (Lacht) Gute Frage! Es gibt täglich irgendwo in der Republik eine oder mehrere Veranstaltungen zu den Themen Agilität, Arbeiten 4.0, Augenhöhe, Mitbestimmung, Partizipation, New Work / Neue Arbeit, Selbstorganisation, Unternehmensdemokratie etc. Es gibt Konferenzen, Barcamps …

RALF: Barcamps? Kannst du das kurz erläutern, nicht alle unserer Leser können was mit dem Begriff anfangen.

Andreas: Klar. Das sind Veranstaltungen ohne Keynotes, wo die Inhalte ausschließlich von den Teilnehmern kommen, die dann Teilgeber genannt werden. Daneben gibt es dann noch Meetups, also meist kostenlose kleinere Abendveranstaltungen und so weiter und so fort.

RALF: Siehste, sag ich doch. Also warum jetzt die 27. Konferenz?

Andreas: Ganz einfach: Wir haben den Stein der Weisen gefunden! Und das wollen wir mit den Teilnehmern teilen. Naja, fast. Also, Spaß beiseite: In den meisten Veranstaltungen wird die Zukunft der Arbeit durch die Brille der Wirtschaft und der Unternehmen behandelt. Manchmal gibt es noch einen mehr oder minder kompetenten Politiker, der in einer Keynote die eine oder andere Position vertritt. Und wer es schick will, bietet den Teilnehmern noch etwas Musik am Anfang oder Ende, sei es gediegen oder wild zum Abfeiern.

RALF: Gefällt Dir unsere Musik auf der LATC etwa nicht? Wir können da schlecht Techno spielen nur für unser Berliner Publikum!

Andreas: Das wird der Grund, warum ich 2019 nicht mehr dabei bin! Lassen wir das. Aus unserer Sicht sollte das anders sein als nur zur Bespaßung. Denn Kunst kann uns bezüglich der Gestaltung vieler Transformationsaufgaben helfen. Genau deshalb geben wir der Politik und Kunst denselben Raum wie der Wirtschaft.

RALF: Ok, dann erzähl unseren Lesern ein bisschen was über die Inhalte, die sie bei eurer Veranstaltung erwarten.

Andreas: Gerne. Als Berater komme ich z.B. immer wieder mit Organisationen in Kontakt, die Selbstorganisation unter anderem leben, indem sie ihre Führungskräfte oder Betriebsräte wählen. Und schon sind wir in einem Prozess, der Ähnlichkeiten mit unserer gesellschaftlichen Demokratie hat. Und damit ist relevant, was die empirische Politikwissenschaft an Erkenntnisse und Ideen vorzuweisen hat. Prof. Dr. Jason Brennan ist einer von denen, der als Prof für Politik, Strategie, Ethik und Wirtschaft ebenso provokativ wie inspirierend ist. Wir kennen und schätzen sein Buch „Gegen Demokratie“, in dem Brennan ein nicht zu widerlegendes schwerwiegendes Problem unserer Demokratie herausarbeitet, analysiert und Lösungen entwickelt: Die mangelnde Kompetenz der Wähler. Tatsächlich höre ich das Kompetenzargument immer wieder in Unternehmen: Die Mitarbeitenden (=Wähler) haben gar nicht die Kompetenz, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Und genau deshalb haben wir Brennan zu einer der drei Keynotes eingeladen. Mehr dazu gibt’s in unserem aktuellen Beitrag im Blog „Zukunft der Arbeit“ der Bertelsmann Stiftung.

RALF: Das klingt verständlich, aber wie genau meint ihr das mit der Kunst? Sollen die Teilnehmer New Work als bunte Bildchen malen? So mit Wachsmalstiften?

Andreas: Exakt! War gar nicht billig, für alle gute Stifte zu kaufen und die dürfen sie sogar hinterher behalten. Ne, Scherz, natürlich nicht. Also: Wozu brauchen wir Kunst? Das wird klar, sobald wir bei Kunst nicht das Ergebnis sehen, also das Kunstwerk, sondern wenn wir an den Prozess des Gestaltens denken. Wo fängt dieser Prozess an, wodurch wird er beeinflusst und wie zeigt er sich im Handeln? Hier ziehen wir die Parallele: Jede Transformation einer Organisation hin zu selbstbestimmter Arbeit ist genauso wie die Zukunft der Arbeit an sich ein gewaltiger, hyperkomplexer Gestaltungsprozess. Aus diesem Grund spricht Joseph Beuys, auf den wir bei der Konferenz Bezug nehmen, auch vom „erweiterten Kunstbegriff“. Er bezieht den Künstler – hier den Mitarbeiter – in das Kunstwerk (z.B. das Unternehmen in Transformation) mit ein und macht ihn damit aktiv. Die Hilfsmittel, um diesen Weg zu gehen, haben wir längst, auch wenn wir uns gar nicht als Künstler verstehen – es ist das Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen, die es jedem gestatten, gestalterisch tätig zu werden.

RALF: Ah, wenn Beuys sagt, jeder sei ein Künstler, dann ist also jeder Mitarbeiter ein Mitgestalter bei der Veränderung seines Arbeitgebers. Richtig?

Andreas: Absolut. Und für diese Gestaltung der Arbeitswelt können wir viel von Kunst und Künstlern lernen. Schließlich braucht es auch ein gerütteltes Maß an Kreativität, um Agilität, Selbstorganisation und natürlich auch Lean in einem Unternehmen nachhaltig erfolgreich umzusetzen.

RALF: Verstehe. Jetzt klingt das schon nicht mehr so esoterisch. Und wer genau ist nun diese Frau Sacks, die ihr eingeladen habt?

Andreas: Shelley ist Künstlerin, Kulturaktivistin, Performancekünstlerin, Autorin und Denkerin, die den Zusammenhang zwischen Vorstellung, Transformation und Paradigmenwechsel in der Praxis erforscht. Sie war Schülerin und Mitarbeiterin von Joseph Beuys. Heute arbeitet Sie außerdem als Professorin für Soziale Plastik und ist Direktorin der Social Sculpture Research Unit der Oxford Brookes University.

RALF: Gibt‘s auch noch Kunst in den Workshops? Und wenn ja, was erwartet die Teilnehmer da?

Andreas: Nein, aber wir bereiten noch ein weiteres wichtiges künstlerisches Element vor. Das wird nicht Thema eines Workshops sein, sondern quer zu den Themen der Workshops und Sessions liegen. Mehr verraten wir hier jedoch ganz bewusst nicht.

RALF: Andreas, vielen Dank für diesen ersten Einblick in das Programm Eurer Veranstaltung. Demnächst werden wir Dich dann noch zum Veranstaltungsdesign befragen. Denn da macht ihr auch so einiges anders, als üblich  …


 

Weiteres zu Dr. Andreas Zeuch sowie zur 1. (Un-) Konferenz:

Der Mensch im Mittelpunkt des Bildes – Keynote Shelley Sacks

Ist Kunst zu schaffen eine grundlegende menschliche Fähigkeit? – Warum eigentlich Kunst?


 

 

Alle Macht für niemand.
Aufbruch der Unternehmensdemokraten.

 

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