Auf der Suche nach der perfekten Zirkulation in der Deutschland AG

Wenn es um die Kunst des Wechsels bei der Entwicklung der eigenen beruflichen Karriere geht, funktioniert die Deutschland AG immer noch wie ein Fürstenstaat. Viele Vertrauen auf eingestaubte Mauertaktiken wie bei Otto Rehhagel.
Eine Pep-Guardiola-Systemrevolution muss aber her, die etwa Anton Seidl in seinem systemischen Beitrag „Ein bisschen ‚Pep’ kann jeder haben“ fordert.

Wie kann sich ein neuer Geist in deutschen Chefetagen etablieren, wenn immer noch Seilschaften, Hinterzimmer-Runden, exklusive Treffen in mondäner Umgebung, Absprachen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und Günstlingswirtschaft das Tagesgeschäft von Konzernen und großen mittelständischen Unternehmen dominiert? Man trifft sich in lauschigen Eckchen in Kitzbühel, Davos, St. Moritz, auf Sylt oder kraxelt vier Tage mit Ex-McKinsey-Chef Herbert Henzler in den Alpen herum. Da laufen die Deals und Absprachen. Da werden Wechsel besprochen und eingeleitet, da sichern sich die Top-Manager ihre Karriere ab. Man ist noch weit entfernt von dem Szenario neuer und offener Netzwerke, die das Manager Magazin im November des vergangenen Jahres vorstellte.

Es sind vor allem Juristen, Wirtschaftsprüfer und Finanzmanager, die in der ersten Reihe der Deutschland AG sitzen. Nerds, Mathematiker, Naturwissenschaftler oder selbst klassische IT-Führungskräfte schaffen es selten an die Unternehmensspitze. Aufsichtsräte und Vorstände glänzen nicht mit einem durchlässigen System. Das könnte sich rächen. Netzwerke sind ja prinzipiell eine gute Sache und Vitamin B für das berufliche Fortkommen zu nutzen, ist völlig in Ordnung. Problematisch wird es, wenn es keine Auffrischungen mehr gibt und keiner neuer Geist nachrückt.

Mauertaktik mit Libero

Sozusagen ein Otto-Rehhagel oder Thomas-Schaaf-Syndrom. Die griechische Nationalmannschaft ist zwar unter der Führung von „Rehakles“ mit der Libero-Mauertaktik und einer stahlharten Mann-Deckung im Jahr 2004 überraschend Fußball-Europameister geworden. Es war aber ein Triumph ohne Zukunft. Ein ähnliches Eintagswunder konnte Schaaf bei Hannover 96 mit seiner Raute-Taktik nicht vollbringen. Der Fußball-Lehrer glaubt zu sehr an die alte Erfolgsmethodik aus seiner Zeit bei Werder Bremen.

In der Deutschland AG gibt es zu viele Cheftrainer, die nach der Rehhagel-Schaaf-Philosophie arbeiten. Ein allzu häufig auftauchender Rückschaufehler. Was früher gut funktionierte, wird als Beweis für zukünftige Taten herangezogen. Dabei ist es nach Ansicht von Jürgen Stäudtner, Autor des Buches „Innovationsstau in Deutschland – Wie wir einen neuen Gründergeist erschaffen“, besonders für Vorstandschefs und Aufsichtsräte wichtig, bekanntes Wissen in Frage zu stellen, neue Wege zu finden, nicht verbundene Sachverhalte oder Ideen zu kombinieren, Menschen zu treffen, die andere Geistesblitze, Hintergründe und Perspektiven mitbringen sowie unorthodoxe Antworten zu provozieren für überraschende Erkenntnisse.

Man braucht System-Revolutionen, die der Fußball-Stratege Pep Guardiola etabliert hat: Hohe Positionsvariation in der Offensive, permanente Veränderung von Grundordnungen im Spiel, Wechsel zwischen Dreier- und Viererkette sowie eine perfekte Ballzirkulation.

Rotation oder Rausschmiss

Diese Zirkulation sollte auch in die Chefetagen der Deutschland AG einziehen. Wie das gelingen kann, schildert Francis Cepero im Gespräch mit brandeins. Er war bei SAP-Berater, Entwickler, Projektleiter, Manager. „Ich rotiere gern zwischen Managementaufgaben und den Fachbereichen, habe immer wieder Personalverantwortung und Leitungsfunktionen abgegeben, um etwas Neues zu machen.

Und das gilt in seinem Unternehmen auch für den Konzernvorstand. Der ehemalige CO-CEO Jim Hagemann Snabe lebte das imponierend vor. Er durchlief Beratung, Vertrieb und Entwicklung, bevor er in die Top-Etage eintrat.

Wenn die Zirkulation von den Cheftrainern blockiert wird, hilft als letztes Mittel dann nur noch der Rausschmiss des kompletten Trainerstabs, wie es Thomas Sattelberger bei VW fordert. Der VW-Skandal sei kein Werk von wenigen Sündenböcken, die man in den vergangenen Wochen abgelöst hat. Das Problem sei systemischer Natur, so Sattelberger im Gespräch mit ne-na.me:

Alte Böcke sollte man nicht zu Gärtnern machen. Das hilft nichts. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch war zwölf Jahre lang VW-Finanzvorstand. Der hat das gesamte Machtgebaren des Wolfsburger Konzerns nicht nur erlebt, sondern mitgestaltet. Er trägt Mitverantwortung in der Organhaftung für mangelnde Sorgfaltspflicht.
Er sei überhaupt nicht dazu in der Lage, seinen jetzigen Kontrollaufgaben nachzukommen. Beim VW-Chef Matthias Müller sieht Sattelberger keine großen Unterschiede zum Amtsvorgänger Martin Winterkorn, da auch in den Produkten von Porsche und Audi die Betrugssoftware zum Einsatz kam. Er sei Teil des alten Systems im Konzernverbund.

Müller, Pötsch und Audi-Chef Rupert Stadler müssen zurücktreten. Ein Disruptionsmanager von außen wäre jetzt die richtige Lösung und ein Team von krisenerprobten Fachleuten, die die kritische Masse mitbringen, um nicht vom alten Führungskörper und dem etablierten Immunsystem von VW aufgefressen zu werden“, so Sattelberger.
Der Aufsichtsrat, geprägt durch die Arbeitnehmervertreter und die Piech-Familie sei ein reines Abnick-Gremium. Die Betriebsräte und Gewerkschafter sind Co-Abhängige des gesamten Systems.

IG-Metaller Osterloh hat einmal gesagt, Winterkorn ist jeden Euro wert. Daran erkennt man dann die Geisteshaltung der Arbeitnehmervertreter bei VW“, kritisiert Sattelberger. Um wieder Glaubwürdigkeit zu bekommen, müsse die Spitze im Vorstand und im Aufsichtsrat weggefegt werden.

Kulturwandel könne nicht von oben verordnet werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Basis müssten mehr gehört werden, aber nicht über die Lautsprecher der Arbeitnehmervertretung. Die Gewerkschaft sei Mittäter der VW-Machtkultur.

Die vorherrschende Angstkultur werde mit den alten Seilschaften nicht aufgebrochen. Es müssten alle Kanäle für Whistleblower geöffnet werden, damit hochgespült wird, was in dieser Organisation sonst noch an Leichen im Keller ist. Vielleicht könnte Urs Siegenthaler, Chefscout von Jogi Löw, der Deutschland AG helfen.

Autor: Gunnar Sohn

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Über Gunnar Sohn 10 Artikel
Gunnar Sohn ist Wirtschaftspublizist und schreibt für die Netzpiloten. Er ist Diplom-Volkswirt (FU Berlin) und war wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Bundestages, der Konrad-Adenauer-Stiftung, Instituts für Demoskopie Allensbach und Leiter der Unternehmenskommunkation bei o.tel.o. Der leidenschaftliche Barcamper und Wanderer zwischen den Welten ist heute freiberuflich als Wirtschaftspublizist, Buchautor, Blogger, Medienberater, Moderator und Kolumnist tätig.
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