Der Daedalus Mythos und unser Technikfokus

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem antiken Mythos des Daedalus und was wir von ihm für den zukünftigen Einsatz von Technik im Zeitalter der Digitalisierung lernen können.

Daedalus war ein brillanter Erfinder, Wissenschaftler und Künstler. Die beweglichen Figuren, die er herstellte und auf dem Marktplatz in Athen herumlaufen ließ, sahen wie lebendige Menschen aus. Sie waren so perfekt gemacht, dass den Athenern gar nicht mehr auffiel, dass es Maschinen waren.

Die große Schwäche des Daedalus war seine Eifersucht, die seinem jungen Neffen Perdix zum Verhängnis wurde. Dieser war ebenfalls ein begabter Erfinder, was den Neid des Onkels immer stärker erregte. Irgendwann wollte Daedalus das Rampenlicht mit seinem Neffen nicht mehr teilen und so stürzte er ihn bei einem gemeinsamen Besuch der Akropolis vom Dach. Perdix war sofort tot. Als Strafe wurde Daedalus aus Athen verbannt, was ihn und seinen Sohn Ikarus an den Hof von König Minos in Kreta führte.

Minos war der Sohn von Zeus und um zum König von Kreta zu werden, weihte er Poseidon einen Tempel und bat den Gott des Meeres zugleich ihm einen Stier zu schicken, den er ihm als herrliches Opfer darbringen werde. Vor den Augen aller ließ Poseidon dann einen wunderschönen weißen Stier aus den Fluten des Meeres steigen, was alle sogleich überzeugte, dass Minos König von Kreta werden sollte. Nachdem Minos zum König gekrönt worden war, hielt er sein Versprechen gegenüber Poseidon aber nicht, sondern behielt den weißen Stier und schlachtet stattdessen einen anderen als Opfergabe.

Poseidon plante rasend vor Wut eine grausame Rache. Er schlich sich in das Schlafgemach der Pasiphaë, welche die Ehefrau des Minos war und pflanzte ihr ein tiefes Verlangen nach dem weißen Stier ein. Am nächsten Morgen erwachte sie mit dem Wunsch, sich mit dem weißen Stier zu paaren. In ihrer Not wandte sich Pasiphaë an Daedalus, er solle ihr helfen. Im Auftrag von Pasiphaë baute Daedalus nun eine lebensechtaussehende Kuh, welche man durch eine Falltür im Bauch betreten konnte. Mit dieser Attrappe ging Pasiphaë auf die Weide, um den weißen Stier zu verführen. Neun Monate später wird der Minotaurus geboren. Ein Wesen in Menschengestalt mit einem Stierkopf.

Minos ist wütend und angewidert und beauftragt Daedalus ein Gefängnis für den Minotaurus zu bauen. Daraufhin erschafft Daedalus mit Hilfe seines Sohnes Ikarus ein komplexes Labyrinth, in dessen Mitte der Minotaurus gefangen gehalten wird. Niemand der das Labyrinth betritt, findet lebend wieder heraus.

Einige Zeit später kommt es zum Krieg zwischen Kreta und Athen. Als Kreta den Krieg schlussendlich gewinnt, verlangt König Minos einen jährlichen Tribut von sieben Jünglingen und sieben Jungfrauen, welche dem Minotaurus geopfert werden. Dies geht viele Jahre so, bis Theseus, der Prinz von Athen, beschließt, nach Kreta zu fahren, um den Minotaurus zu töten. In Kreta angekommen, trifft er Ariadne, die Tochter des Minos. Sie verlieben sich sofort ineinander. Ariadne, die ihren Liebsten nicht verlieren will, wendet sich an Daedalus, er soll einen Weg finden, damit Theseus seine Mission erfüllen kann. Als Lösung gibt Daedalus Ariadne ein Garnknäuel, welches Theseus beim Hineingehen abrollen soll, um anschließend den Weg wieder herauszufinden. Theuseus geht daraufhin ins Labyrinth, tötet den Minotaurus und entkommt anschließend mit Ariadne in Richtung Athen.

König Minos ist wieder wütend und lässt Daedalus und Ikarus in ihrem Labyrinth einschließen. Daedalus hat es so gut gebaut, dass er selbst nicht hinausfinden kann. Während Ikarus immer mehr und mehr die Hoffnung verliert, ersinnt sein Vater einen Plan. Er beginnt für sich und seinen Sohn Flügel zu konstruieren. Vor dem Abflug schärfte Daedalus seinem Sohn ein, nicht zu Nah an die Sonne zu fliegen, da dann das Wachs, welches die Federn zusammenhält, schmelzen würde. Er solle aber auch nicht zu tief über dem Meere fliegen, da feuchte Flügel zu schwer werden würden, um ihn sicher in der Luft zu tragen. Ikarus fühlt sich aber mit jedem Flügelschlag wohler in der Luft und beginnt höher und höher zu steigen. Als er dann der Sonne zu nah kommt, stürzt er in den Tod.

Daedalus erreicht später Sizilien und bittet den dortigen König Kokalos um Asyl. Minos war noch immer auf der Suche nach ihm. Um Daedalus zu finden, ließ Minos ein Rätsel verbreiten. Wie kann man einen Faden durch ein spiralförmiges Schneckenhaus ziehen? Daedalus, nie um eine Lösung verlegen, löste die Fragestellung, indem er das Ende des Schneckenhauses abzwickte und Honig auf die entstandene Öffnung träufelte. Anschließend setzte er eine mit einem Faden präparierte Ameise am Startpunkt des Schneckenhauses aus. Die Ameise kroch dann mit dem Faden durch das Schneckenhaus zu dessen Ende, wo die süße Belohnung auf sie wartete. Als die Lösung bekannt wurde, kam Minos zu Ohren, wo Daedalus steckte. Als Minos dann etwas später nach Sizilien kam, wurde er von Kokalos in eine Fall gelockt und von dessen Töchtern getötet. Danach verliert sich die Spur des Daedalus.

Der Mythos des Daedalus ist im Laufe der Zeit mehrfach überarbeitet und interpretiert worden, wobei er immer noch viele aktuelle Herausforderungen anspricht, welche gerade im Zusammenhang mit unserem Technikfokus und der zunehmenden Digitalisierung interessant sind. Im Folgenden werde ich ein paar Aspekte herausgreifen.

Am heutigen Managementdenken erinnert stark an Daedalus, dass man die Probleme zumeist technisch lösen will.

Die Komplexität der Welt ist häufig schwer zu ertragen, da sie ein unsicheres Gefühl auslöst, welches mit Hilfe der Technik beseitigt werden soll. Wir wollen im Privaten sowie im Beruflichen die optimalen Entscheidungen treffen. Dazu messen und optimieren wir ständig. Daedalus löst seine Probleme bzw. die Aufträge, die er bekommt, immer technisch. Was im Mythos zu immer weitreichenderen Komplikationen führt. Nachdem er die Vereinigung von Pasiphaë mit dem weißen Stier technisch ermöglicht hat, sperrt er dessen „Resultat“ nach dem Auftrag von König Minos technisch in einem Labyrinth ein. Im Folgenden unterstützt er Theseus technisch, um anschließend seinem Gefängnis technisch zu entkommen. Am Ende verrät er sich selbst durch seine technische Lösungskompetenz. Daneben ist er durch seinen Ehrgeiz getrieben, der Perdix zum Verhängnis wird. Sein Sohn Ikarus erliegt der Überbeanspruchung der technischen Flughilfe.

Auf den ersten Blick lässt sich dies nun leicht als Anti-Technik-Kommentar missverstehen.

Was es aber nicht sein soll. Die heutige Technik bietet uns großartige Möglichkeiten. Die Gefahr, die wir uns aber selbst schaffen, liegt im Moment darin, dass unsere Betonung immer auf der Maschine selbst liegt und nicht auf deren Nutzung. Mit Maschine sind nicht nur Arbeitsgeräte oder die EDV gemeint, sondern auch die diversen Managementtools und -systeme, die laufend auf dem Markt erscheinen.

Mit der Technik lassen sich weder soziale noch emotionale Probleme lösen.

Wir beurteilen Fragen zu häufig nach ihrer technischen Lösbarkeit, als nach ihrer moralischen und politischen Zuverlässigkeit. Bei jeder technischen Einführung muss die erste Frage sein: Warum entwickeln wir diese Technik? Nur weil wir einen Hammer besitzen, besteht die Welt deswegen nicht aus lauter Nägeln. In diesem Zusammenhang müssen wir uns auch fragen, ob unsere Bildungseinrichtungen eher Bildungsfabriken oder Lernlaboratorien sein sollen. Künstliche Intelligenzen werden uns nämlich in vielen Punkten überlegen sein. Im Rekrutierungsprozess kommen heute schon Bots zum Einsatz, die sich wie Menschen verhalten sollen. Vielleicht geht es uns irgendwann wie den alten Athenern, die Daedalus Figuren auf dem Markt für echte Menschen gehalten haben. Was uns Menschen auszeichnet und was Teil unseres Lernens sein sollte, sind unsere Fähigkeiten zur Muße, über Zahlen und Fakten hinaus zu blicken sowie Empathie. Diese sind standardmäßig nicht messbar und werden darum häufig ignoriert oder vernachlässigt. Kurzfristig sind sie auch häufig nicht spürbar. Langfristig hingegen machen sie den Unterschied aus und schaffen das nötige Vertrauen in einer Organisation. Dass Technik einen verantwortungsbewussten Umgang bedingt, macht Daedalus mit seinen Anweisungen für Ikarus deutlich. Er solle nicht zu hoch und nicht zu tief fliegen. Beides setzt Erfahrung und Reflexion voraus.

Autor: Dr. Thomas Daniel Zabrodsky

 

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Dr. Thomas Daniel Zabrodsky

Externer Lehrbeauftragter für Personal & Organisation
Universität Innsbruck

 

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