Die Einsamkeit des CEO, Dr. h.c. Nemo

oder „Ubi solitudinem faciunt, pacem apellant.“… Eine ernst gemeinte Persiflage

Die Boulevards von Los Straneros, der Stadt, in der WMIA Incorporated ihren Verwaltungssitz hat, sind gepflastert mit Plakaten. Es ist mal wieder Wahl im Distrikt.

Ein Gesicht neben dem anderen springt den Vorbeifahrenden an.

Dr. Nemo erwartet den Interviewer. Im Vorstandsbüro läuft das Video einer Dokumentation des weltweiten Fernsehsenders WSIA, We Show It All, ein Unternehmen der WMIA Incorporated.

Es zeigt Dr. Nemo auf einem Gipfel im Gebirge. Weit schweift sein Blick über Berge, Seen und grüne Landschaft. Der Blickwinkel der Kamera kommt von unten und hinter seinem markigen, rasierwassergestählten, absolute Fitness und Klarheit versprechendem Gesicht ist die Weite des Himmels zu sehen. Weiter nichts. Nur er und die Weite, der ganze Himmel eingeschlossen…

Wäre der Interviewer zynisch, würde er dies Bild für einen Ausriss aus der deutschen TV-Serie „Bauer sucht Frau“ halten und jede zukünftige Schwiegermutter würde ihre Tochter ermuntern, sich um diesen einsamen Kerl zu kümmern …

Dr. Nemo hält das Video an. Elvira schaut gelangweilt. Später erfuhr der Interviewer, dass Dr. Nemo das Video schon zum dritten Male hintereinander anschaut. Man sieht sich ja gern auf einem Bild, insbesondere, wenn der eigene Fernsehsender es produziert hat.

Interviewer: „Die Bilder vermitteln einen Eindruck von Einsamkeit.“

Dr. Nemo: „Die Einsamkeit hat verschiedene Aspekte. Der eine Aspekt ist der, dass die Einsamkeit des CEO eigentlich nur propagiert wird.

Interviewer: „Wie soll ich das verstehen?“

Nemo: „Wissen Sie, welches Wesen ganz und total einsam in luftigen Höhen hinter den hohen Bergen und in den Wolken wohnt?

Interviewer: „Lassen Sie mich raten. Sie meinen doch nicht etwa Gott?“

Nemo: „Genau, Sie haben es erfasst!

Interviewer: „Glauben Sie an Gott?“

Nemo: „Mir genügt, dass man allgemein an ihn glaubt.

Interviewer: „Was glaubt man denn so allgemein?“

Nemo: „Man glaubt, er sei allmächtig.

Interviewer: „Diesen Eindruck wollen Sie also mit den Bildern vermitteln?“

Nemo: „Ja.

Dem Interviewer bleibt die Spucke weg und sein mittlerweile zitierfähiger Kommentar hierzu lautet: „Mmmmh…“

Nemo: „Wir produzieren auch TV-Sendungen, in denen über die Einsamkeit bei Entscheidungen und das schwere Los der CEOs berichtet wird.

Interviewer: „Trifft diese Einsamkeit nicht auf uns alle zu, sind wir nicht alle in Entscheidungen von Relevanz einsam?“

Nemo: „Ja, das stimmt. Nur… darüber berichtet keiner und wir betrachten diese Einsamkeit als ein besonderes Attribut. Die Einsamkeit ist das Attribut der Helden… oder kennen Sie Bilder der Helden in Politik oder Wirtschaft, die sie mit ihren Kumpels beim Biertrinken zeigen oder beim Gute-Nacht-Geschichtenlesen? Haben Sie die Plakate an der Straße hierher gesehen? Alles Helden, einzeln, einsam, jedenfalls in der Darstellung.
Das ist ein Griff in die emotionale Mottenkiste. Menschen wollen Helden, sie wollen Hauptdarsteller, die auf dem Olymp stehen.  Sie wollen diese Einsamkeit sehen. Den Gefallen tun wir ihnen. George B. Shaw hat das einmal treffend ausgedrückt: „Das Volk besteht darauf, seine Wunder, seine Helden und Heldinnen, seine Heiligen, Märtyrer und Gottheiten zu haben, um die Kraft der Liebe, der Bewunderung und der Anbetung an ihnen üben zu können“. Und ein bisschen Tragik gehört auch dazu, das hat schon Shakespeare demonstriert.

Interviewer: „Aber gerade die, die an der Spitze stehen, sind doch nicht realiter einsam.“

Nemo: „Sie haben Recht, aber das zählt nicht. Nehmen Sie Bill Gates, das Genie an der Spitze von Microsoft. Kennen Sie Paul Allen? Ohne den wäre aus Gates nicht das geworden, wer er heute ist. Gates ist nicht einsam.

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Der Interviewer insistiert: „Sind Sie als CEO des weltgrößten Unternehmens einsam, Herr Dr. Nemo?“

Elvira verschluckt sich gerade an ihrem Lindenblütentee.

Nemo: „Nicht mehr oder weniger als Sie, mein Herr.

Interviewer: „Dann stimmt es ja, was immer gesagt wird, dass Menschen in Ihrer Position ja nur Menschen sind.“

Dr. Nemo bricht in schallendes Gelächter aus. Elvira rührt Honig in ihren Tee.

Nemo: „Gut gebrüllt, Löwe. Aber denken Sie mal diese Behauptung, die da immer gern süßlich verbreitet wird, zu Ende.

Interviewer: „Stimmt das denn nicht?“

Nemo: „Doch es stimmt. Nur, wer behauptet, ja auch nur ein Mensch zu sein, unterstreicht damit eigentlich, dass er von einem anderen Stern kommt.

Interviewer: „Von einem anderen Stern?“

Nemo: „Ja.

Interviewer: „Wie heißt dieser Stern?“

Nemo: „WMIA Incorprated.

Elvira begleitet den Interviewer wie immer zum Fahrstuhl.

Interviewer: „Sagen Sie, Elvira…. Wenn man das alles so hört, denkt man, das Ganze ist doch bodenlos… ist Dr. Nemo das bewusst?“

Elvira: „Sie kennen sicher den berühmten Hamletmonolog, den mit Sein oder Nichtsein? Wenn Sie den ein bisschen weiter unten lesen, treffen Sie auf diese Zeilen.“

Dass wir die Übel, die wir haben, lieber
Ertragen als zu unbekannten fliehn.
So macht Bewusstsein Feige aus uns allen;

Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,
Verlieren so der Handlung Namen

Interviewer: „Woran glaubt ein Mann wie Dr. Nemo denn eigentlich noch?“

Elvira: „Das fragen Sie ihn mal am nächsten Dienstag…

 

Das Interview von und mit Kurt August Hermann Steffenhagen hier ebenfalls als Podcast.

Autor: Kurt August Hermann Steffenhagen

Über Kurt August Hermann Steffenhagen 127 Artikel
Der Autor Kurt August Hermann Steffenhagen entlarvt mit unglaublicher Energie, Geistesschärfe und ohne Blatt vor dem Mund veraltete Methoden, Ansichten und Vereinfachungen. Er war über 25 Jahre Berater und Coach im internationalen TopManagement. Sein Thema ist der Paradigmen-wechsel im Denken des Managements. Sein Buch zu diesem Thema mit dem Titel „Management by Farce: Der feine Unterschied zwischen Führung und Eierkochen“ erschien kürzlich im BusinessVillage Verlag.
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Kurt August Hermann Steffenhagen


Kurt August Hermann Steffenhagen

Jurist, M&A Coach und Autor

 

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