Die heilige Tradition bei WMIA Incorporated

oder „Traditum est.“ … Eine ernst gemeinte Persiflage

Elviras schlanke Hände umschmeicheln weiße Handschuhe, belegt mit kleinen Diamanten. Old fashioned, very old fashioned, aber Elvira macht ja in jedem Outfit eine ‘Bella Figura‘.
Der Interviewer sitzt neben ihr in dem alten gelben Bentley auf der Fahrt nach Los Straneros, dem Verwaltungssitz des größten Unternehmens der Welt, WMIA Incorporated. Nicht old fashioned ist, dass Elvira als Dame am Volant, also am Steuer des Wagens sitzt, eigentlich ist das ein Bruch der Tradition …

Interviewer: „Was besprechen die Big Boys da in der Bar im Dorf, um was geht es?“

Elvira: „Es geht um die Tradition im Unternehmen und der Familie. Manche halten die Bewahrung der Tradition für eine Krankheit der Nemos und des ganzen Unternehmens WMIA Incorporated.“

Interviewer: „Da wäre ich gern mal Mäuschen.“

Elvira lacht: „Das Gespräch über die Tradition hat selber Tradition, insbesondere, was den Verlauf dieser Gesprächsrunde angeht.

Interviewer: „Wie darf ich mir das vorstellen?“

Elvira: „Das Wesen von Tradition liegt im Wiederkehrenden, eigentlich in der Wiederholung. Es passiert immer wieder das Gleiche.

Interviewer: „Waren Sie mal bei einer solchen Sitzung zugegen?“

Elvira: „Nein, zum Thema Tradition bin ich traditionell nicht zugelassen. Aber die Tradition können sie auch so bei WMIA Incorporated erfahren.“

Interviewer: „Zum Beispiel?“

Elvira: „Zum Beispiel die Aufsichtsratssitzung. Spötter wie der Clown neulich meinten, die Aufsichtsratssitzung habe keine Tagesordnung, sondern sie folgt einer Liturgie.

Interviewer: „Aha, daher weht der Wind, die Liturgie dient der Festigung der gläubigen Gemeinde und bedient sich fester Abläufe.“

Elvira lenkt den eleganten Wagen um ein paar Schlaglöcher herum, die uralten Blattfedern vertragen so etwas nicht und wer will das Schöne dieses Bentleys schon wegen eines Schlaglochs ruinieren …

Elvira: „Ja, die Festigung des Glaubens an WMIA Incorporated, darum geht es in jeder Sitzung.“

Interviewer: „Wie ist der Zusammenhang zwischen Liturgie und Aufsichtsratssitzung?“

Elvira: „Die einzelnen Stationen der Liturgie der Sitzungen des Aufsichtsrats haben nur andere Namen, im Prinzip sind sie steinalte Tradition.“

Interviewer: „Nennen Sie Beispiele!“

Elvira: „Die Liturgie kennt das Gebet, Lesung und Verkündigung, Gesang, Gestik, Bewegung und Gewänder, liturgische Geräte, Symbole und Symbolhandlungen, die Spendung von Sakramenten und Sakramentalien. Das Gebet nennt man heute die „Keynote“, da lädt man einen Prediger ein, einen der die versammelte Mannschaft mal so richtig ins Gebet nimmt. Die Lesung ist das Vorlesen der Ergebnisse, der Planungen oder was auch immer zur Debatte steht. Möglicherweise auch das Lesen der Leviten, allerdings sehr selten. Dann kommt die Verkündigung. Die nimmt der Aufsichtsratsvorsitzende für sich in Anspruch. Gesang, Gestik und Bewegung nennt man heute Diskussion. Einige Aufsichtsratsmitglieder aber auch das operative Management nehmen ja schon Gesangunterricht zur Stimmbildung. Schließlich kommt dann die Spendung der Sakramente …“

Interviewer: “Das wäre dann die Absegnung der Boni für den Vorstand…?

Elvira: „So in etwa … Sie denken mit.“

Elvira schmunzelt und da man auf dem Highway angekommen ist, lässt sie dem Bentley freien Lauf.

Interviewer: „Wow!“

Wir lassen hier die Frage offen, ob dieses „Wow“ des Interviewers sich auf die vornehme Entfaltung ungestümer Kraft des Fahrzeugs oder den Anblick der Alabaster gleichenden schlanken Beine Elviras bezog. Aber das kennen wir ja schon, die Beschäftigung mit der Schönheit Elviras, in deren Gefolge ihre Liebhaber schon zu Poeten wurden, gehört hier leider nicht zum Thema.

Elvira: „Es geht um die Form, die Contenance, das Einhalten der Liturgie.

Interviewer: „Ja schon, aber ist denn nicht jede Aufsichtsratssitzung anders, schon von den Inhalten her?“

Elvira: „Die Inhalte der Sitzungen, der Gesang sind wie bei der Liturgie immer die gleichen. Sie sind wie bei der Liturgie schon vorher bekannt. Man singt vom Blatt und die Form geht vor dem Inhalt.“

„Heiliger Bimbam“, denkt der Interviewer.

Man ist in Los Straneros angekommen.

In der Eingangshalle fällt dem Interviewer eine Tafel ins Auge, die er vorher noch nicht beachtet hatte.
Auf ihr steht: „Tradition heißt nicht, Asche verwahren, sondern eine Flamme am Brennen halten.“

Welche ewige Flamme bei WMIA Incorporated brennt, ist eine gute Frage. Der Interviewer wird sie Dr. Nemo stellen. Wann?
Am nächsten Dienstag natürlich!


 

Das Interview von und mit Kurt August Hermann Steffenhagen hier ebenfalls als Podcast.

Autor: Kurt August Hermann Steffenhagen

Über Kurt August Hermann Steffenhagen 80 Artikel
Der Autor Kurt August Hermann Steffenhagen entlarvt mit unglaublicher Energie, Geistesschärfe und ohne Blatt vor dem Mund veraltete Methoden, Ansichten und Vereinfachungen. Er war über 25 Jahre Berater und Coach im internationalen TopManagement. Sein Thema ist der Paradigmen-wechsel im Denken des Managements. Sein Buch zu diesem Thema mit dem Titel „Management by Farce: Der feine Unterschied zwischen Führung und Eierkochen“ erschien kürzlich im BusinessVillage Verlag.
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Kurt August Hermann Steffenhagen


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Jurist, M&A Coach und Autor

 

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