Die Tragik der Allmende im innerbetrieblichen Kontext

In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit der „Tragik der Allmende“ im innerbetrieblichen Kontext und denke über mögliche Lösungswege nach. Die „Tragik der Allmende“ ist eine ökonomische und ökologische Theorie, die besagt, dass persönliches Eigeninteresse gegen sich selbst arbeitet, wenn Ressourcen limitiert sind.

Der Begriff der Allmende ist im allgemeinen Sprachgebrauch besser unter dem Namen Gemeingut oder mit der engl. Bezeichnung als commons bekannt. Gemeingut kann sich in verschiedenen Formen (Land, Zeit, Nahrung, Arbeitskraft, Wissen, … etc.) zeigen. Als klassisches Beispiel gilt die Gemeindewiese eines Dorfes, die von allen Bauern zusätzlich zum eignen Grund genutzt werden kann. Wenn jeder Bauer ein paar Tiere auf die gemeinsame Weide bringt, können die eigenen Felder für etwas anderes genützt werden. So entsteht für alle Beteiligten eine vorteilhafte Situation. Die Tragik der Allmende beginnt dann, wenn die Beteiligten vielfach aus Eigeninteresse immer mehr Tiere auf die gemeinsame Wiese bringen, um ihre eigenen Vorteile zu maximieren. Bei dieser kurzfristigen Sichtweise schicken immer mehr Bauern immer mehr Tiere auf die gemeinsame Weide, was diese immer stärker beansprucht und dabei schädigt. Dies führt in weiterer Folge dazu, dass die Bauern noch mehr Tiere auf die gemeinsame Weide bringen, bevor diese nichts mehr abwirft. Es entsteht dabei eine Abwärtsspirale, bei der die entstehenden Schäden an die Allgemeinheit auslagert werden. Am Ende ist das Feld kaputt und alle müssen ihre Tiere zu Hause weiden lassen. Die Maximierung des eignen Nutzen, hat dann gegen sich selbst gearbeitet und das System für alle zusammenbrechen lassen. Im Moment können wir diese Abwärtsspirale auch bei der Überfischung der Weltmeere und dem Raubbau an den Wäldern beobachten.

Im innerbetrieblichen Kontext können unter Gemeingut Arbeitskraft, Zeit, Wissen, … etc. fallen. Zum Beispiel können mehrere Abteilungen ein gemeinsames Sekretariat haben, welches für alle die Korrespondenz erledigt.

Ein Exempel für die Tragik der Allmende konnte ich gerade in einem mittelständischen Unternehmen selbst mit verfolgen. Die Geschäftsführer des Unternehmens haben die Strategien für ihre jeweiligen Verantwortungsbereiche ohne gegenseitige Absprache erstellt. Dabei hatten sie jeweils große Themenblöcke für die hauseigene IT-Abteilung festgeschrieben. Die vier Geschäftsführer hatten ohne Rücksicht auf die anderen Beteiligten die gemeinsame Ressource jeweils stark beansprucht, ohne sich Gedanken über die Gesamtauslastung zu machen. Das gesamte Arbeitspensum für die IT Abteilung wurde dann so groß, dass keine ordnungsgemäße Erledigung der vielen Agenden mehr möglich war.

Wettbewerb, Streit und Diskussionen um gemeinsame Ressourcen im Unternehmen kennen bestimmt die meisten von uns selbst. Interessant ist dabei, dass wir alle auf einer intellektuellen Ebene wissen, dass wir mit einer gemeinsamen Kooperation besser fahren würden. In der Praxis kommen aber Dinge wie fehlendes Vertrauen, Eigeninteresse und die Paranoia vor den Vorteilen der anderen ins Spiel.

Der Tragik der Allmende kann nun mit verschiedenen Formen begegnet werden. Eine Möglichkeit ist, die gemeinsamen Ressourcen abzuschaffen und sie jeweils genau zuzuteilen. Damit schafft sich die Idee der Allmende aber gleich selbst ab und damit die positiven Effekte, die man mit einer gemeinsamen Nutzung erzielen will.

In der Spieltheorie gibt es das mathematische Spiel des Gefangendilemmas, welches es in verschiedenen Varianten gibt. Eine geht wie folgt. Die Polizei hat zwei Verbrecher festgenommen. Sie bietet beiden unabhängig voneinander einen Deal an. Wenn einer gesteht, geht dieser frei und die andere Person erhält eine lange Haftstrafe. Redet keiner von beiden, können sie beide nur für kleinere Delikte belangt werden und bekommen beide nur eine kurze Haftstrafe. „Singen“ sie beide, bekommen beide eine lange Haftstraße, weil es dann keinen Grund für einen Kronzeugen gibt. Die dominante Strategie für jeden einzelnen Verbrecher wäre es, ein Geständnis abzulegen, denn wenn der andere nicht redet, geht man frei und wenn dieser auch redet, kann man sich gleich an ihm rächen.

Die gemeinschaftlich beste Lösung hingegen wäre, sie schweigen beide und nehmen jeweils eine kurze Haftstrafe in Kauf. Die Mafia versucht dies sicherzustellen, in dem sie einen Ehrenkodex ausgibt und Verrat mit allen Mitteln hart bestraft. Die Idee des Ehrenkodex finden wir auch beim Militär. Während meiner Zeit als Präsenzdiener lehrte man uns den Spruch „Einer ist ein Feigling – zwei sind Helden!“. Man will damit erreichen, dass in einer Kampfsituation nicht ein Soldat den anderen im Stich lässt und die gemeinsame Stellung verlässt. Aber auch hier wird Fahnenflucht streng bestraft.

Während die Mafia und das Militär auf Ehre und harte Strafen setzen, damit sich ihre Mitglieder im Interesse der Gruppe verhalten, werden in Unternehmen häufig Regelsysteme implementiert, die eine gemeinsame Nutzung regulieren sollen. In diesen Fällen müssen dann aber zusätzlich Ressourcen aufgewendet werden, welche die Nutzung überwachen.

Auf der ganzen Welt finden wir aber auch Beispiele, wo zumeist kleinere Gruppen übereingekommen sind, ihre Ressourcen fair miteinander zuteilen. Dies tun sie zumeist aus einem gegenseitigen Vertrauen heraus, weil sie sich gut kennen oder aus dem sozialen Druck der durch die Gruppe entstanden ist. Wer in einem gemeinsamen Boot sitzt und dies auch realisiert, bohrt sehr wahrscheinlich keine Löcher hinein.

Eine weitere Möglichkeit wäre es, den schonenden Umgang mit der gemeinsamen Ressource durch Belohnungen zu fördern. Darüber hinaus wäre wohl der wichtigste Schritt, dass wir uns alle selbst darin trainieren, in längerfristigen Perspektiven zu denken, um der kurzfristigen Sicht der Abwärtsspirale zu entgehen..

Autor: Dr. Thomas Daniel Zabrodsky

 

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Dr. Thomas Daniel Zabrodsky

Externer Lehrbeauftragter für Personal & Organisation
Universität Innsbruck

 

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