Episode 21: Im wirklichen Leben angekommen

Frank Weissenegger ist nun sichtlich erleichtert, dass ihm auch der Alte keine Steine mehr in den Weg gelegt hat. Zumal die Durchführung der Unternehmenssimulation Fabrik im Seminarraum (FiS) auch ein gelungener Anfang ist, um eine Forderung aus dem Audit erfüllen zu können: Die Umsetzung der kontinuierlichen Entwicklung aller Mitarbeiter durch entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen.

Aber alleine die Mitteilung dieser Qualifizierungsmaßnahme lässt das Getuschel auf den Fluren wieder losgehen: Besonders Franz Großmann ist empört. Wie soll so ein albernes Spiel in der Lage sein, seine Produktion zu beschreiben? Und was sollte er denn dabei noch lernen können, wo er doch seit über zwanzig Jahren die Produktion der Krauss GmbH & Co. KG leitet. Aber es gibt auch andere Stimmen, wie diese von Franziska Steiner. Begrüßt sie doch die ersten Veränderungen, welche bereits bei der Krauss GmbH & Co. KG Einzug gehalten haben.

Nur wenige Tage später ist es soweit und die 12 teilnehmenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreten – von den Moderatoren begleitet – den großen Besprechungsraum, welchen sie kaum wieder erkennen.
Ist hier doch tatsächlich eine „Fabrik“ entstanden, mit verschiedenen Arbeitsplätzen zur Montage von CEE-Stecker und Steckdosen. Dazu ein Materiallager, die Abteilung Planung- und Steuerung sowie eine Qualitätskontrolle, der Lieferant, der Kunde und dessen Wareneingangskontrolle.
Alle nehmen ihre ‚neue‘ Firma mit Argwohn aber intensiv in Augenschein – was wird in den nächsten zwei Tagen wohl auf sie zukommen?
Einen ersten Einblick erhalten sie mit der Erläuterung der verschiedenen Arbeitssysteme und einem Wertstromdiagramm, welches den Informations-, Material- und Geldfluss aufzeigt, bevor die Teilnehmer ihre Rolle erhalten.
Na hoffentlich muss ich nicht in die Montage, denkt Franziska Steiner und ist ein wenig erleichtert, als ihr die Verantwortung für das Lager zugeteilt wird. Der AV-Leiter Mayrhofer erhält die Rolle des Kunden und der Betriebsrat Jandl übernimmt die Qualitätskontrolle. Der Verwaltungsleiter Alexander Moser die Montage 1 und Franz Großmann erhält die Verantwortung für die Logistik. Zügig sind dann auch die restlichen Rollen vergeben und nach kurzer Vorbereitung am jeweiligen Arbeitssystem kann die erste Simulationsrunde beginnen.
Alexander Moser schafft es kaum, die bereits vorhandenen Aufträge abzuarbeiten.
Aber auch diverse Rufe nach dem Logistiker von anderen Arbeitssystemen erfüllen zügig den Raum. Franz Großmann kann den Anforderungen kaum gerecht werden, zumal er ständig seine Mitarbeiter im Blick behält, um zu sehen, was diese hier so zustande bringen. Dazu ist er insgeheim doch ziemlich verärgert, dass ausgerechnet er hier alle – auch einige seiner Mitarbeiter – bedienen muss.
Und dann noch die Steiner im Lager, wo er häufig hin muss. Aber auch der Jandl hier mit seiner Qualitätskontrolle. Hat dieser doch schon einige fehlerhafte Produkte aussortiert.
Nach einer Stunde beenden die beiden Moderatoren die erste Simulationsrunde. Befragt nach ihren ersten Eindrücken platzt es dann aus Großmann auch heraus, dass er sich nicht noch einmal so vorführen lasse. Franziska Steiner ist zudem der Meinung, dass das eine oder andere, was sie gerade erlebt hat, durchaus bei der Krauss GmbH & Co. KG hätte gewesen sein können.

Doch was zählen in einem Unternehmen Eindrücke? Zahlen, Daten und Fakten bestimmen den betrieblichen Alltag. Anhand eines Charts, auf welchem eine Tabelle abgebildet ist, erfassen die Moderatoren nun gemeinsam verschiedene Kennzahlen wie z.B. das operative Betriebsergebnis, die gefertigten Produktionsmengen, Liefertreue, Qualitätskennzahlen, etc. Die Zahlen bestätigen das Gefühl aller, dass so dieses „Unternehmen“ keinen Blumentopf gewinnen kann.

Zusätzlich präsentieren die Moderatoren ein Spaghettidiagramm, um die Laufwege von Franz Großmann in seiner Rolle als Logistiker zu veranschaulichen. Großmann selbst versteht dies als Kritik an seiner Person und will in einem beginnenden Monolog erklären, dass das Erlebte nichts, aber überhaupt nichts mit der Realität zu tun hätte, was zu einer lebhaften Diskussion bei allen Beteiligten führt.
Auf die Frage der Moderatoren, was neben Zahlen, Daten und Fakten den Beteiligten denn noch so alles aufgefallen sei, kristallisieren sich im Wesentlichen drei Problemfelder heraus.
Der Materialfluss einerseits und der Informationsfluss andererseits werden von allen als unbedingt verbesserungswürdig identifiziert. Aber auch die Arbeitssystemgestaltung selbst muss insgesamt verbessert werden.

Von den Moderatoren werden die Teilnehmenden nun in drei Gruppen eingeteilt. Gruppe I, welche sich um die Verbesserung des Informationsfluss kümmern soll, wird von Alois Mayrhofer geleitet. In der Gruppe II, welche Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitssystemgestaltung erarbeiten soll, übernimmt  Franz Großmann die Leitung. Und Gruppe III, welche sich dem Materialfluss annehmen soll, wird von Franziska Steiner geleitet. Nach der Zuteilung der jeweiligen Teammitglieder „verabschieden“ die Moderatoren alle Teilnehmer in die Mittagspause mit folgender Aufgabenstellung:

„Erarbeiten Sie bis um 15:00 Uhr ein System, welches besser ist als dieses, was Sie heute Vormittag vorgefunden haben. Sie können hier in diesem Raum alles verändern, einzige Bedingung ist, der Kunde bleibt an der Stelle, wo er war und bestellt nach wie vo,r was er möchte. Er hat den Anspruch, 100% Qualität zu erhalten und möchte nach wie vor innerhalb von 2 Minuten beliefert werden. Bitte stellen Sie uns ihre Lösung zusätzlich anhand eines Wertstromdiagramms dar.“

Bereits in der Mittagspause diskutieren die einzelnen Gruppenmitglieder erste Lösungsmöglichkeiten.

Gegen 14:00 Uhr bitten die Moderatoren die Gruppenleiter zu einem Meeting, in welchem die jeweils ersten Lösungsansätze der Gruppen untereinander vorgestellt werden. Franziska Steiner fasst sich ein Herz und beginnt mit der Vorstellung der in ihrer Gruppe erarbeiteten Lösungen. Kaum hat sie jedoch zwei Sätze gesprochen, fällt ihr Großmann auch schon ins Wort und erläutert – wieder monologisierend -,  dass er bereits die Lösung für das Gesamtsystem hätte. Weitere Versuche – auch von Mayrhofer – andere Meinungen vorzubringen, ignoriert Großmann jetzt völlig. Mehr noch, er löst die Gruppenarbeit mit den Worten „wir machen das jetzt so!“ auf.

Alle finden sich in der Fabrik ein und Großmann dirigiert seine Mannschaft. Dabei hat er lediglich die Montagearbeitsplätze, die Nacharbeit, die Verpackung und die Qualitätssicherung im Auge. Sämtliche Versuche von anderen, Großmann auch auf die Teilprozesse im Lager, bei der Logistik sowie bei der Produktionsplanung- und Steuerung und beim Lieferanten aufmerksam zu machen, scheint er nicht wahrzunehmen. Vielmehr will er sogar, dass der Kunde nach seinen Vorgaben bestellt.
Nach und nach geben die Teilnehmer auf, hat Großmann doch jeden Vorschlag von ihnen bereits im Keim erstickt. Es ist ihnen anzumerken, dass sie sich nicht mehr wirklich beteiligen. Ja mehr noch, sie fühlen sich im wirklichen Leben angekommen.
Großmann jedoch hat Schwierigkeiten, „seine Mannschaft“ bei der Stange zu halten. „Wenn er sich unsere Vorschläge nicht einmal anhören möchte, dann soll er uns doch sagen, was wir machen sollen“ denkt auch Mayrhofer.

Mit einem Zuschlag von gut und gerne 45 Minuten startet die Simulationsrunde 2. Den Zahn, dass Großmann Einfluss auf den Kunden nehme könne, haben ihm die Moderatoren gezogen! Insgesamt scheint sich hier einiges verbessert zu haben, doch bleibt der Eindruck, dass es noch besser sein könnte, hätten die Ideen von den anderen in die Lösung mit einfließen können.

Nach Ende der zweiten Simulationsrunde werden erneut die Kennzahlen erfasst. Zwar zeigt sich, dass in allen Bereichen eine Verbesserung erzielt, jedoch die eigentlichen Zielvorgabe nicht erreicht wurde.
Mit diesen Eindrücken verabschieden die Moderatoren die Teilnehmer für diesen Tag.

Franz Großmann fühlt sich jedoch bestätigt und verabschiedet sich seinerseits mit folgenden Worten gegenüber einem der Moderatoren: „Sie sehen, hätte ich nicht die Führung übernommen, hätten wir eine Verbesserung nicht hinbekommen. Das Unternehmen schreibt nun schwarze Zahlen und die Lieferquote und Liefertreue beträgt immerhin 50%!“

Franziska Steiner verlässt nachdenklich und gleichzeitig angespannt, aber auch in gewissem Sinne verärgert den Raum. Nicht ohne auch einem Alexander Moser zu sagen, dass sie noch besser hätten sein können, wenn auch sie ihre Ideen hätten mit einbringen können! Morgen, also am zweiten Tag der Fabrik im Seminarraum (FiS) möchte sie dies thematisieren. Das hat sie sich fest vorgenommen…

Lean Transformation: Episode 21 – Audioversion


 

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