Erwartungen, Überzeugungen, Vorurteile – Wirkung auf Veränderungsanliegen

Jeder Mensch hat Erwartungen.
An sich selbst und an andere. Wir sind neugierig hinsichtlich unserer Zukunft. Vermutungen, Annahmen, Hoffnungen oder Träume sind oberflächlich betrachtet Erwartungen. Sie basieren in der Regel auf der Vergangenheit und unseren Erfahrungen.

Tendenziell entwickeln wir alle aus unseren Erfahrungen eine Vorstellung, was schliesslich eine bestimmte Erwartung hervorruft. Dies kann positiv wie negativ sein. Sicher ist: Erwartungen engen uns ein.

Ohne Erwartungen leben – ist dies machbar?

Diese Frage war der Kern von Studien und Diskussionen von Psychologen. Eine abschliessende Antwort gibt es nicht. Zu facettenreich ist die menschliche Psyche.

Selbsterfüllenden Prophezeiung

Wichtig sei unvoreingenommen und offen auf jegliche Situationen zuzugehen. Aber, unsere Erwartungen beeinflussen unser Verhalten (wenn uns dies meist nicht bewusst ist) und die anderen Menschen reagieren darauf. Besonders im Zusammenhang mit der „Selbsterfüllenden Prophezeiung“ kann dies gefährlich sein. Die eigene Erwartung, der eigene Umgangsstil ruft dann beim Gegenüber die Verhaltensweisen hervor, welche wir erwarten.

Vorurteile – ein Teufelskreis

Noch schlimmer wirken Vorurteile, welche starken Einfluss haben. Der Beeinflusste nimmt nur noch die Merkmale an der anderen Person / an einer Sache wahr, die ins erwartete Bild passen. Die „Bestätigung“ vergrössert das Vorurteil. Ein Teufelskreis.

Erwartung vs. Visuelle Wahrnehmung

Bereits vor rund 20 Jahren machten Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse zur Interaktion zwischen Tieferwahrnehmung, Objekterkennung und visueller Verarbeitung im Gehirn. Ein hoher Grad an Erwartungen übt einen wesentlichen Einfluss auf unsere visuellen Systeme aus.

Dies bedeutet: Unsere innere Erwartungshaltung beeinflusst die grundlegende Wahrnehmung des Menschen. Beispielsweise sehen Menschen mit entsprechenden Erwartungen – hier Ängsten – in der Dunkelheit gefährliche Gegenstände und Menschen. Diese sind jedoch gar nicht vorhanden.

Motivation und Entscheidung

Erwartung ist eines der wichtigsten kognitiven Konzepte und spielt bei Motivations- und Entscheidungstheorien eine zentrale Rolle. In diesem Bereich gehören auch die Belohnungen. Auch Tiere beziehen allfällige Belohnungen in ihre Entscheidungen mit ein. Sie verknüpfen die bisherigen Erfahrungen mit Erwartungen für die Zukunft. Wohin dies beim Menschen führen kann, ist anhand der derzeitigen Bonus-Entschädigungen für Manager leicht zu erkennen.

Vorstellung und Realität – Kein Unterschied für das Gehirn

Das Gehirn des Menschen kann gemäss der Hirnforschung nicht zwischen Vorstellung und Realität unterscheiden. Dies bedeutet, sobald wir uns etwas sehr realistisch vorstellen, ist dies für unser Gehirn ein und dasselbe. Entsprechend kann die Reaktion ausfallen. Und wir sprechen hier immer von einer Wirkung auf einen geistig gesunden Menschen.

Wenn wir es wahrhaft erwarten, erhöhen wir in enormem Mass die Wahrscheinlichkeit, dass es so eintrifft. Wir bewegen uns automatisch in Richtung einer Annahme, wenn die innere Erwartung und die Überzeugung vorhanden sind.

Überzeugung – kritischer Punkt

Speziell die Überzeugung ist ein kritischer Punkt. Ohne diese ist die Wirkung eher bescheiden, denn die Überzeugung ist die Quelle des Entstehens einer Möglichkeit. Psychologen verweisen gerne auf das „Positive Denken“. Nur, die menschliche Psyche lässt sich nicht einfach selbst übertölpeln.

Versucht ein Mensch positiv an eine Sache heranzugehen, aber ihm fehlt die innere Überzeugung, ist dieser Versuch weitgehend erfolglos. Die Überzeugung macht den wesentlichen Unterschied. Halten wir sie für real, lebt diese in uns und wir reichen sie unter Umständen weiter.

Echte Überzeugung entsteht durch eine, von Eigenantrieb entfachte, innere Akzeptanz. Ohne Zwang und manipulative Beeinflussung von Dritten oder einem selbst.

Treffen Erwartung und Überzeugung zusammen, entsteht ein wunderbares Gespann. Allerdings ein fragiles. Jeder kennt das Infrage stellen der eigenen Überzeugung aus dem eigenen Alltag. Erwartungen ändern sich je nach Situation ebenfalls sehr schnell.

Was machen wir mit all diesen Informationen im Zusammenhang mit Veränderungsvorhaben?

Heutzutage kann bei Bedarf hierzulande jeder rund um die Uhr auf die von ihm gewünschten Informationen zugreifen. Dies hat Vorteile, aber einen entscheidenden Nachteil. Das Gefundene weckt Erwartungen. Wie wir alle wissen, sind Texte im Internet nicht selten geschönt und versprechen grandiose Erfolge. Eine hohe Enttäuschungsquote ist nicht auszuschliessen.

Diejenigen Menschen, welche eine Veränderung in Auftrag geben, informieren sich im Vorfeld über die möglichen Resultate und Erfolge. Es entstehen erste Erwartungen. Selbst wenn die Entscheider die Aufbereitung an andere Stellen weiterreichen entsteht der gleiche Effekt.

Realistische Erwartungen fehlen (zu) oft

Wird eine Person mit der Veränderung beauftragt, stellt diese oft fest, dass der Auftraggeber zumindest teilweise nicht realistische Erwartungen hat. Meist hinsichtlich Kosten und Zeitaufwand. Dies sind die kleineren Übel. Schwieriger wird es, sobald die alltäglichen Erfolge von bekannten Firmen wie Toyota auf das Unternehmen übertragen sollen. Dazwischen ist ein riesiger Raum mit Erwartungen unterschiedlichster Art.

Wer hat Erwartungen bei Veränderungen?

Aufzählung (nicht abschliessend):

  • Auftraggeber
  • Eigentümer
  • Verwaltungsrat
  • Geschäftsleitung
  • CEO
  • Management
  • Mitarbeitende
  • Kunden
  • Lieferanten
  • Behörden
  • Beauftragte Person
  • Konkurrenten

Analyse schafft Klarheit

Alle diese Interessenträger haben ihre eigenen Erwartungen an den Auftrag, der Umsetzung, der Ziele und des Erfolges der geplanten Veränderung. Auf irgendeine Art sollten diese Erwartungen gesammelt, geordnet und bewertet sein. Ob dies klassisch mit einer Stakeholder-Analyse oder einfach auf einem Blatt Papier geschieht ist unwesentlich.

Keine Analyse – Gefahr droht

Wie weiter oben beschrieben, lassen nicht besprochene Erwartungen ziemlich viel Chaos und Zerstörung in einem Veränderungsvorhaben entstehen. Zumindest in den schlechteren Fällen. Die aufgewendete Zeit für eine Analyse, dem Abgleich mit der Realität und den dazu gehörenden Diskussionen sind es allemal wert. Wird dieser Schritt unterlassen, rächt sich dies meist zu einem späteren Zeitpunkt.

Nicht vergessen

Erwartungen verschieben und ändern sich während der Veränderung. Damit die anfangs abgewendeten Schwierigkeiten nicht mitten im Projekt / Prozess entstehen, gehört die regelmässige Prüfung und Anpassung der Erwartungen aller Parteien zum Wichtigsten überhaupt. Es ist von eminenter Bedeutung die Erwartungen derart prioritär zu behandeln. Die für die Veränderung gewählte Vorgehensweise oder die Methodik spielen danach (fast) keine Rolle mehr.

Autor: Frédéric Jordan

Über Frédéric Jordan 5 Artikel
Frédéric Jordan ist als Organisations- und Managementberater in Stäfa am Zürichsee für die Grossregion Zürich tätig. Er unterstützt Unternehmen jeglicher Grösse, welche ganzheitliche oder punktuelle Optimierung anstreben, Beratung in organisatorischen Themen benötigen oder Begleitung für Ihre Veränderungsprojekte suchen.
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