Gehen Sie auf Entdeckungstour!

Energiekonzentration hilft Ihnen, die Schwachstellen des Unternehmens aufzuspüren.
Wenn anschließend lähmende Spielregeln abgebaut werden, entfesselt sich das Unternehmen in die Agilität.

Der Weg ist das Ziel, heißt eine ziemlich bekannte Weisheit des chinesischen Philosophen Konfuzius. Der Universalgelehrte hatte zwar vermutlich wenig Einblick in gängige Unternehmensprozesse, doch eines kann man nicht abstreiten: Der Mann besaß Weitblick.

Denn wenn Sie nicht wissen, woran es in Ihrem Unternehmen hakt – auch wenn Sie das Gefühl haben, DASS es hakt – solange Sie also noch keine Lösung haben oder das Problem verschwommen erscheint: Gehen Sie in aller Ruhe auf Entdeckungstour!

Sobald Sie aber auch nur ansatzweise die Vermutung eines Zieles haben, steuern Sie es an.
Verschwenden Sie keine Zeit, keine Energie, konzentrieren Sie sich nur auf das einzelne Ziel und möge es noch so klein sein. Solange bis Sie es erreicht oder erkannt haben, dass das Ziel falsch war. Dann kehren Sie ohne Reue zum Ausgangspunkt zurück und versuchen Sie es erneut.

Die Vorstufe zur Komplexitätsreduktion: Spielregeln abbauen

Was das für Ihre Praxis bedeutet? Ich will es Ihnen an einem Beispiel erklären. Vor einigen Jahren war ich als Interimsmanager in einem medizintechnischen Unternehmen, die Umsatzverantwortung lag bei mehr als 40 Millionen Euro. Eine Mitarbeiterin musste einen Kuli beantragen, dessen Wert sich um knapp zwei Euro bewegte, verbunden mit einem komplexen Bestellvorgang.

Ich will Ihnen die Details ersparen, denn am Ende mündete das Ganze in einem Projekt, in dem viele firmeninterne Spielregeln abgebaut wurden. Ich musste erst erkennen, worum es in diesem Unternehmen ging, was der Schlüssel war, das Unternehmen zu transformieren: Spielregelabbau. Nach dem mir dies klar war, konnte ich mit Vollgas das Projekt umsetzen.

Und so ist die Offenheit nach allen Richtungen das oberste Gebot in der Fehlersuche, im Optimierungsprozess. Lassen Sie sich treiben. Schnuppern Sie mal hier, mal dort. Dann wird Ihnen recht schnell klar, wo Sie an einem Kernproblem vorbeigekommen sind. Nehmen Sie Witterung auf wie ein Jagdhund, durchforsten Sie also Ihre Unternehmung … und vertrauen Sie Ihrer Spürnase. Bald wissen Sie, wo Sie die Hebel ansetzen müssen.

Und grenzen Sie nach drei Regeln ein:

  • Lass Dich treiben, gib Dir Zeit beim Entdecken.
  • Sei neugierig, stelle Fragen und halte die Augen auf.
  • Nutze jegliche Methode, die Du kennst, aber halte Dich nicht an ihr fest. Mische sie, nutze sie, aber nutze sie intuitiv, mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand.

Nun mögen Sie beispielsweise feststellen, dass Ihrnternehmen völlig überprozessualisiert ist. Etwa in punkto Verwaltung, die ohnehin den höchsten „Überprozessualisierungs-Faktor“ innehat. Wir halten uns vor Augen: Jede Unternehmenseinheit, die weit entfernt von den Grenzflächen zu den umgebenden Kundenst, bekommt Störeffekte erst verzögert mit. Sie bewegt sich nicht in wildem Wasser. Forschung und Vertrieb hingegen sind ständig in stürmischer Umgebung, sie haben keine Chance auf „Überprozessualiserung“; man hat schlichtweg keine Zeit dazu. An vorderster Kampflinie muss man handeln, nicht Abläufe regeln.

Kampf den Prozessfesseln!

Doch das ist noch gar nicht das größte aller Probleme. Wenn sich der Innendienst alleine überprozessualisieren würde, wäre das egal. Jedoch denkt der Innendienst (wie alle anderen Abteilungen auch), er hätte mit seinem Denken recht. Damit fühlt sich der Innendienst berufen, den wilden Jungs vom Vertrieb die Prozessfesseln anzulegen.

Wie lösen wir das auf? Große Unternehmen sind komplex. Lassen wir ihnen die Freiheit, dass nicht alle die gleichen Spielregeln haben; lassen wir Komplexität zu.

Hinterfragen Sie, wo diese Spielregeln herkommen, wer sie erfunden hat und welchem Zwecke sie wohl dienen möge. Die Antworten sind in der Regel dürftig („Irgendwer“, „Irgendwann“, „Ich glaube, einer meiner Vorgänger übertrieb es wohl“) und zeugen meistens eher davon, dass die Mitarbeiter und das Management aufgegeben hatten, Spielregeln zu hinterfragen und im Falle von offensichtlicher Unsinnigkeit sich gegen selbe zu wenden.

Warum also nicht die Ursachen der Lähmung abschaffen? Eine Spielregel, deren Sinn Ihnen niemand – ich wette: niemand! – wirklich stichhaltig erklären kann? Tun Sie es. Sie können praktisch dabei zusehen, wie sich die Organisation zunehmend entspannt, lockerer wird und vor allem – schneller! Denn nur der durch Spielregelabbau entfesselte Mensch ist zu nicht-zielorientierten Schnuppertouren bereit.

Autor: Dr. Bodo R.V. Antonic

Über Dr. Bodo R.V. Antonic 5 Artikel
Dr. Bodo R.V. Antonic wirft einen Blick auf kulturelle Spielregeln, Normen und Dogmen. Er schaut gerne über den betriebswirtschaftlichen Tellerrand und die betriebsinternen Kultur- und Sprachgrenzen hinaus. Er bewegt sich am liebsten dort, wo simple Wahrheiten und nicht hinterfragte, graue Theorien im Mittelpunkt versagen. Tätig als Interimsmanager, Moderator und Speaker, forscht und unterrichtet (Lehrbeauftragter der HS Aalen) er in den Fächern Unternehmensführung, Absatzwirtschaft und Innovationsmanagement. Hieraus ergaben sich in den letzten Jahren eine Anzahl von Büchern und Fachpublikationen. Seine Kernthemen sind die Transformation in Unternehmen, das Anstoßen einer Innovations- und Nichtfragilitätskultur sowie die Entfesselung des kreativen Geistes, gemäß des Mottos: „Geist will schweben, nicht in Ketten liegen.“
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Interimsmanager und Speaker
Head of Bx

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