Ich weiß, dass ich nichts weiß?

oder „Scio me nihil scire.“ … Eine ernst gemeinte Persiflage

Es lässt Dr. Nemo keine Ruhe, dass sein Sohn Rubirosa innerhalb kurzer Zeit eines der größten Unternehmen der Welt entwickelt hat.
Es ist nicht so, dass er ihm das nicht gönnt, es ist vielmehr die Unerträglichkeit des Gedankens daran, dass solide Entwicklung Zeit und Erfahrung braucht, und dass dies offensichtlich nicht für Rubirosa gilt …

Rubirosa ist kein Akademiker wie sein Vater und sein Wissen beruht meist auch nicht auf Erfahrung. Das jedenfalls hat Nemo in Gesprächen getestet. An einer Antwort seines Sohnes auf die Frage, wie er seinen Erfolg erklärt, knabbert er bis auf den heutigen Tag.
Sein Sohn sagte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß …“

Na ja, dieser Satz wird Sokrates zugeschrieben, aber dass er in das Handeln eines erfolgreichen Managers einfließt, dass wirft natürlich diese klassischen Denkweisen aus der Bahn. Immerhin ist Wissen die Grundlage des Handelns, ein Manager, der dies bestreitet, erntet in den erlauchten Kreisen höchstens ein Stirnrunzeln.

Nemo trifft sich wieder mit Rubirosa. Diesmal besucht er ihn in seiner – übrigens im Verhältnis zu den 128 Stockwerken des Verwaltungsgebäudes von WMIA Incorporated – relativ kleinen Firmenzentrale, im Arbeitszimmer.

An den Wänden hängen mehr als ein Dutzend Bildschirme. Pausenlos laufen Nachrichten, unterbrochen von Werbespots, drei Fernseher zeigen ausschließlich Werbespots.

Nemo schaut erstaunt. „Als ich so alt war wie du, habe ich Bücher gelesen, anstelle fernzusehen. Was lernst Du von diesem Geflimmer?“

Rubirosa: „Lernen wäre die falsche Bezeichnung, ich halte die Hand am Puls der Zeit!“

Nemo: „Wir bei WMIA Incorporated beobachten den Markt und die Menschen auch! Daher wissen wir, was in unseren Geschäften funktioniert.“

Rubirosa: „Ich weiß und daraus macht ihr dann statistische Formeln und später dann Regeln … viel später … oder gar nicht?“

Nemo: „Willst Du unsere Analysen in die Tonne treten? Ich lese gerade ein hochinteressantes Buch „Die sieben Erfolgsgesetze der Verkaufsgenies.“

Wenn Nemo nach altväterlicher Art jetzt noch hinzugefügt hätte: „Das solltest Du auch mal lesen“, dann hätte Rubirosa das wohl aus Höflichkeit überhört.

Rubirosa entgegnet stattdessen: „Ja, ja die Zahl Sieben! Warum hat man nicht fünf oder zwölf Gesetze des Erfolgs gefunden? Diese vermeintlichen Gesetze hält das Management für Rezepte, die diejenigen befolgen, die sich geistig von Dosensuppen ernähren.“

Nemo weiß darauf keine Antwort, das mit den geistigen Dosensuppen hat er nicht verstanden. Er fragt allerdings lieber nicht nach ….

Wäre der Interviewer dabei gewesen hätte er sicher „Mmmh …!“ gesagt, was wohl ein Platzhalter für alle Antworten auf die wichtigen Erkenntnisse des Managements und überhaupt sein könnte.

Nemo starrt auf die Bildschirme.

Nemo: „Was soll das?“

Rubirosa: „Ich verfolge die Meinungen der Massen, die Thesen, die Meinungen. Und die Wahrheit, die sogenannte, ist dem untergeordnet …“

Nemo: „Wie schrecklich! Ist das nicht unmoralisch?“

Rubirosa: „Hat die Wahrheit eine Moral?“

Nemo: „Na hör mal! Die Wahrheit ist die Grundlage des Abendlandes! Wo kommen wir denn dahin, wenn wir die Wahrheit nicht achten, wenn unser Wissen zur Meinung verkommt!“

Rubirosa: „Der Unterschied zwischen der Wahrheit und der Meinung liegt nur darin, dass die Wahrheit älter ist als eine Meinung und die Wahrheit meist ihr Verfallsdatum überschritten hat. Meinungen sind frisch vom Regal.“

Nemo: „Und was bedeutet das für’s Geschäft?“

Rubirosa: „Uns Menschen verbinden Prinzipien des Handelns, die wir nicht erschaffen haben und die vielleicht deshalb so gültig sind. Diese Prinzipien sind sehr einfach, Meinung schlägt Wahrheit und manchmal auch Verstand …“

Nemo: „Eine alte Weisheit … jedenfalls nach Meinung deiner Mutter…“

Rubirosa: „Wir folgen den Meinungen, wir verkaufen Produkte, von denen man meint, sie seien nützlich. Das Fernsehen und das Internet sind unsere Quellen, die Meinungen zu finden. Wir beschäftigen keine Wissenschaftler mehr, nur noch Influencer, die Meinungen machen …“

Nemo: „Da sehe ich ja ziemlich alt aus …

Rubirosa: „Ich will die Welt der aristotelischen Logik gar nicht schelten, nur erscheint mir die ausschließliche Fokussierung auf die Entweder-Oder-Logik, die gerade Linie des Denkens, des Wissens eine opportunistische Haltung zu befördern, die für den Fortbestand der menschlichen Zivilisation nicht förderlich ist. Du bist im alten Modell!“

Nemo: „Mmmh …!“

Das wird spannend, insbesondere die Frage, was Nemo mit dieser Erkenntnis seines Sohnes anstellt.

Anstellt“ ist wohl das richtige Wort. Die beiden sind aus einem Holz geschnitzt.

Wie es weiter geht, erfahren wir wie immer nächsten Dienstag …


 

Das Interview von und mit Kurt August Hermann Steffenhagen hier ebenfalls als Podcast.

Alle Podcast-Folgen über die WMIA Incorporated finden Sie ebenfalls hier.

Autor: Kurt August Hermann Steffenhagen

Über Kurt August Hermann Steffenhagen 130 Artikel
Der Autor Kurt August Hermann Steffenhagen entlarvt mit unglaublicher Energie, Geistesschärfe und ohne Blatt vor dem Mund veraltete Methoden, Ansichten und Vereinfachungen. Er war über 25 Jahre Berater und Coach im internationalen TopManagement. Sein Thema ist der Paradigmen-wechsel im Denken des Managements. Sein Buch zu diesem Thema mit dem Titel „Management by Farce: Der feine Unterschied zwischen Führung und Eierkochen“ erschien kürzlich im BusinessVillage Verlag.
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Kurt August Hermann Steffenhagen


Kurt August Hermann Steffenhagen

Jurist, M&A Coach und Autor

 

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