Kishōtenketsu | Lernen und Wissensvermittlung

In diesem Beitrag möchte ich mich mit den Themen Kishōtenketsu, Lernen und Wissensvermittlung beschäftigen. Kishōtenketsu ist eine traditionelle japanische Technik, um Texte und Comics zu strukturieren. Aufmerksam wurde ich auf Kishōtenketsu zum ersten Mal vor zwei Jahren durch Mark Browns YouTube Video Super Mario 3D World’s 4 Step Level Design. Brown beschreibt in diesem Video, wie sich Koichi Hayashida, Co Director von Super Mario 3D World, von Kishōtenketsu inspirieren lässt, um Super Mario Levels zu designen. Warum Kishōtenketsu für die Themen Lernen und Wissensvermittlung interessant ist und welche Erfahrungen ich bei der Anwendung gemacht habe, möchte ich im Folgenden vorstellen.

Kishōtenketsu ist eine narrative Struktur, welche die Pointe der Erzählung an den Schluss stellt und aus vier Schritten besteht.

  • Ki – ist die Einführung in ein Thema
  • Shō – stellt dessen Weiterentwicklung dar
  • Ten – liefert eine unerwartete Wendung, die zunächst nicht direkt mit dem ersten Thema zusammenhängt
  • Ketsu – ist der Abschluss bzw. die Zusammenführung der zuvor genannten Themen

Im ersten und zweiten Schritt wird also ein Thema zunächst eingeführt bzw. weiterentwickelt. Bevor es im dritten Schritt um eine unerwartete Dimension oder neue Perspektive bereichert wird. Der vierte Schritt bildet dann den Abschluss, der die Kerngedanken zusammenführt. Als berühmtes Beispiel gilt das Volkslied sokuyō von Rai San’yō.

  • Ki – In Honmachi in Ōsaka leben die Töchter eines Garnhändlers,
  • Shō – die Ältere ist 16, die Jüngere 15.
  • Ten – Die Fürsten der Länder töten mit Pfeil und Bogen.
  • Ketsu – Die Töchter des Garnhändlers töten mit den Augen.

Der Autor leitet die Geschichte um die Töchter des Garnhändlers also zunächst im ersten Schritt ein, um uns im zweiten Schritt zusätzliche Informationen zu geben. Im dritten Schritt macht er dann eine unerwartete Wendung hin zur damaligen Kriegskunst – um im vierten Schritt die beiden Handlungsstränge zusammenzuführen. Die Töchter des Garnhändlers betören die Männer mit ihren Blicken, wie die Fürsten ihre Feinde töten.

Wieso ist Kishōtenketsu nun für die Gestaltung von Super Mario Levels interessant? In den verschiedenen Levels gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Gegnern, verschiedenen Plattformtypen, andersartigen Röhren und sonstigen „bunten“ Mechaniken. Mark Brown beschreibt nun im zuvor genannten Video, wie Koichi Hayashida sich durch Kishōtenketsu bei der Levelerstellung inspirieren lässt, um nicht unzählige Anleitungen oder Hinweise im Spiel geben zu müssen, welche den Spieler nur ausbremsen würden. Hayaschida und sein Team gehen dabei beispielhaft folgendermaßen vor:

  • Ki – Zunächst wird ein neues Element in einer „sicheren“ Umgebung eingeführt. Zum Beispiel ist unter einer neuen Art von beweglicher Plattform ein weiterer Untergrund, wodurch der Spieler nicht in den Tod stürzen kann, falls er von der Plattform rutscht.
  • Shō – Nun befindet sich die Plattform über einem Abgrund, was den Spieler dazu zwingt die neue Mechanik zu verstehen und richtig anzuwenden.
  • Ten – Jetzt kommt es zur Wendung. Diese kann zum Beispiel in Form eines Gegners oder in einer unrhythmischen Anordnung der Plattformen bestehen. Beides zwingt den Spieler zu einer neuen Perspektive und der Anpassung seines Spielstils an die neue Spielsituation.
  • Ketsu – Die meisten Levels enden dann mit einer letzten (optionalen) Hürde, bei der man die zuvor erlernten Techniken kombinieren muss, um sie zu meistern.

Hayaschida schafft es damit ohne lange Erklärungen in fünf Minuten dem Spieler die Spezialitäten eines jeden Levels zu erklären, ihn darin zu trainieren und sein Können auf die Probe zustellen. Auch können die Entwickler einmal erlernte Mechaniken später im Spiel wieder einfließen lassen, da sie davon ausgehen können, dass die Spieler sie bereits kennengelernt haben.

Ähnliche Fragen hatte bereits Shigeru Miyamoto, der Erfinder von Mario, zu beantworten, als er den ersten Level für Super Mario Bros erstellte. Wie kann man dem Spieler vermitteln, dass ein Gumba (erster Gegner) böse und ein Pilz (PowerUp) gut ist, ohne dabei Worte zu verwenden. Siehe dazu das YouTubeVideo Super Mario Bros: Level 1-1 – How Super Mario Masterd Level Design von der Extra Credits Crew.

Welche Erfahrungen habe ich nun mit Kishōtenketsu in der Wissensvermittlung gemacht? Ich habe bereits vor Kishōtenketsu gerne historische, philosophische oder andere Themen in betriebswirtschaftliche Erklärungen eingeflochten, um verschiedene Perspektiven zu eröffnen und verwandte Mechanismen herauszuarbeiten. Kishōtenketsu bietet nun dafür einen strukturellen Rahmen, welcher als Blaupause dienen kann. Zum Beispiel verwende ich Kishōtenketsu bei Vorträgen vor Studierenden zum Thema Zielvereinbarungssysteme und dessen Auswirkungen auf die Betroffenen.

  • Ki – Einleitung des Themas: Wozu dient ein Zielvereinbarungssystem aus Sicht der Management Perspektive? Wie wird damit eine Selbststeuerung hergestellt? Welche Ziele werden damit verfolgt?
  • Shō – Weiterentwicklung des Themas: Welche Rolle spielt der Mensch in diesem System? Wie sieht der Wandel des Menschen vom Kosten- hin zum Nutzenfaktor aus? Wie verändert sich die Form der Machtausübung?
  • Ten – Wendung: Wie steuern sich Studierende selbst durch ihr Studium? Welche (versteckten) Aufgaben hat ein Studienplan? Wie werden Marktmechanismen (Angebot/Nachfrage) beim Punkteanmeldesystem für die Kurse eingesetzt? Wie werden Studierende durch das Studium geleitet?
  • Ketsu – Kerngedanken: Wie beeinflusst die Selbststeuerung die Betroffenen? Was bedeutet der Tausch von Entscheidungsfreiheit gegen den ständigen Druck zur Modulation? Wie wirkt sich dies auf die Work-Life-Balance aus?

Im ersten Schritt werden also Ziele und Hintergründe von Zielvereinbarungssystemen erläutert. Im zweiten Schritt wird dies um eine politische Perspektive erweitert. Im dritten Schritt erfolgt dann der Twist, indem die Studierenden mit den Selbststeuerungssystemen konfrontiert werden, welche ihr ganzes Studium prägen. Im vierten Schritt geht es dann um die Gemeinsamkeiten von Zielvereinbarungssystemen in Unternehmen (z.B. Erfüllung von Umsatzzahlen) und im Studium (z.B. Absolvierung von Kursen, Erreichung von ECTS). Diese Bewusstmachung der Steuerungsmechanismen schärft zumeist das Verständnis für deren Funktion und deren Vor- und Nachteile. Das beschriebene Vorgehen bei meinem Vortrag dauert entschieden länger als die fünf Minuten des Mario Levels, es liefert aber einen pädagogisch wertvollen Spannungsbogen, der unterschiedliche Thematiken strukturiert zusammenführt und damit einen Mehrwert schafft.

Kishōtenketsu ist nicht der perfekte oder der einzige Weg, um Lernen anzuregen bzw. eine Wissensvermittlung durchzuführen. Ich empfinde Kishōtenketsu aber als ein interessantes Konzept, um damit hin und wieder zu experimentieren, wenn ich Gedanken, Ideen oder Inhalte strukturieren möchte, um diese dann an andere weiterzugeben. Dieser Beitrag selbst, ist ebenfalls mit den Stilmitteln des Kishōtenketsu entstanden und hat vielleicht ihre Neugier geweckt, sich ebenfalls mit fernöstlicher Dichtkunst zu beschäftigen.

Autor: Dr. Thomas Daniel Zabrodsky

 

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Dr. Thomas Daniel Zabrodsky

Externer Lehrbeauftragter für Personal & Organisation
Universität Innsbruck

 

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