Lean-Kultur in Osteuropa

(M)ein Erfahrungsbericht als Lean-Berater

Manchmal erwartete ich solche Fragen sogar schon …

  • Was denken Sie, wie lange es dauert, bis wir komplett lean sind?
  • Haben Sie für die Einführung von TPS einen Business Case?
  • Können Sie schon abschätzen, wie sich die KPIs nach diesem Lean-Projekt verändern werden?

Gegenfrage dann manchmal von mir: „Bitte, was ist ein „Lean-Projekt?“

Ja, sogar folgende Aussagen sind mir in meiner Vergangenheit schon begegnet:

  • Na, dann holen Sie mal in dieser Woche (vor einem Lean Workshop, der eigentlich als Start der Lean Journey von mir angedacht war) alles aus meinen Leuten raus.
  • Wenn einer nicht mitziehen will, einfach mir sagen! 😉

Und jeder, der sich ernsthaft mit dem Toyota Produktionssystem beschäftigt und Unternehmen bei der Einführung daran angelehnter eigener Produktionssysteme helfen darf, kennt wohl diese Sätze, beziehungsweise nur jenem fallen sie wahrscheinlich auf.

Wurden Sie aber auch schon einmal vom jeweiligen Management darauf hingewiesen, dass Sie die Leute unbedingt mitnehmen müssen bei diesem Lean. Und lieber etwas langsamer vorgehen sollen,  als jemanden der Belegschaft abzuhängen?

Hatten Sie schon mal dieses spezielle Gefühl, dass die Führung in einer solchen Art aktiv Fürsorge für Ihre Mitarbeiter (und damit natürlich für das eigene Unternehmen) betreibt?

Ich schon und dies nicht nur einmal. Die Traumkondition zum Change sozusagen. Consultants Paradise.

Beim ersten Mal denkt man noch, es wäre ein zufälliger Glückstreffer. Beim zweiten Mal vielleicht ebenfalls …

Aber bei jedem weiteren Mal fragte ich mich ernsthaft, ob es nicht vielleicht auch an der Region liegen kann, weil mir dies persönlich – bis auf wenige Ausnahmen – nur in Osteuropa in inhabergeführten Unternehmen passiert ist. Es ist nun mal so.

Denn neben vielen anderen Dingen durfte ich, speziell was den menschlichen Umgang betrifft, sehr viel von den Osteuropäern lernen. Da ich im Verlauf solcher Workshops in osteuropäischen Unternehmen sehen und fühlen konnte, in welcher menschlichen Art und Weise die Leute – wirklich aller Hierarchieebenen – zusammenarbeiten … ohne dass man die bewährten Workshop Regeln (Zu Beginn meiner Ausbildung zum Leaner hatte ich nicht geglaubt, dass man Regeln an die Wand schreiben muss, um einander zuzuhören, ausreden zu lassen, nicht am Handy zu spielen, etc.) einführen und ständig daran erinnern musste.

In einem solchen Umfeld weiß ich dann auch, dass sich hier schon eine Lean-Kultur entwickelt hat, die natürlich noch viel strukturierter im Laufe des Changes werden wird.
Dennoch gibt es sie bereits. Diese Kultur. Und der Change klappt mit 100%iger Sicherheit, wenn der Berater es nicht versemmelt.

Und die anscheinend vernachlässigten, eben nicht im Hauptfokus stehenden KPIs kommen von ganz alleine! Und zwar besser, als wenn man nur sie zu „verbessern“ versucht.
Zumal diese Unternehmen diverse Lean-Tools lernen werden, keine Frage. Denn das ist bei Lean nun wirklich das Einfachste …

Jedoch bin ich mir nicht sicher, ob andere Unternehmen die Lean-Kultur „lernen“ werden. Das ist nämlich das Schwerste.

Ich durfte also Unternehmen kennenlernen, die eine Lean-Kultur haben, ohne es zu wissen, bzw. sie so zu deklarieren. Und auch andere Unternehmen (als Besucher besichtigen), die sich selbst als weit fortgeschritten in Sachen Lean bezeichneten und die 5S ernsthaft als „Ordnung und Sauberkeit“ manifestierten.

Verrückte Lean Welt!

Und jedem, der sich selbst noch fragt, ob er sich auf die lange Reise begeben will, kann ich folgendes versichern:
Wenn man sie ernsthaft und ganzheitlich angeht, wird die Lean Journey so schnell nicht langweilig werden!

Für mich nach 13 Jahren jedenfalls immer noch nicht.

Ihr Michael Renoth

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