MitarbeiterMotivation?

 Wenn man die Zwiebel wirklich schält… Eine ernst gemeinte Persiflage

Im Folgenden lesen Sie die Mitschrift eines Interviews mit dem CEO des größten und mehr oder weniger erfolgreichsten Unternehmens der Welt, Herrn Dr. h.c. Any Nemo.
Das Interview ist fiktiv. Das größte Unternehmen der Welt allerdings nicht.

Das Gespräch fand im 124. Stockwerk des Verwaltungsgebäudes der WMIA Inc. – WMIA ist die Abkürzung für „We make it all“ – in Los Straneros statt.
Die Atmosphäre war angenehm kühl, schimmernder Marmorboden, Möbel aus Glas mit braunem Mahagoni, zwei Assistentinnen reichten Kaffee und Kekse, ihre Stilettoabsätze klapperten erotisch und eine dritte würde gleich jedes Wort mitschreiben.
Durch die vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster brach das Licht aller sieben Weltmeere und nur der Himmel und sein Horizont begrenzte den Blick, dessen Entfernung je nach Intelligenz des Betrachters variiert.
Das Licht im Raum, wenn es denn überhaupt eines Kunstlichts bedurft hätte, wechselte im stündlichen Rhythmus oder nach Bedarf seine Farbe.
Dr. Nemo himself trank Acqua naturale, bei dessen Anblick allein man augenblicklich freiwillig nüchtern würde. Verabredet war ein Gespräch über Motivation bei WMIA Inc.

„Legen Sie los!“, schnarrte Dr. Nemo und blickte auf seine Understatement Plastikuhr.

Frage an Herrn Dr. Nemo: Wie gehen Sie mit dem Thema Motivation um?

Nemo: „Motivation ist uns sehr wichtig. Nur motivierte Mitarbeiter können mit der rasanten Entwicklung unseres Unternehmens mithalten. Wir sind deshalb an unseren Mitarbeitern interessiert und haben eine mit hervorragenden Psychologen ausgestatte Abteilung. Diese Doktoren erforschen, was Menschen wirklich antreibt und wir sponsern selbstverständlich einige Professoren, die uns mit Ergebnissen versorgen.“

Frage: „Was haben Sie gefunden?“

Nemo: „Wir sind ein modernes und innovatives Unternehmen. Wir finden deshalb alle 5 Jahre eine neue Theorie. Sehen Sie, die Zeiten ändern sich. Mein Vater glaubte noch an einen Dr. Maslow, Sie wissen schon, den mit der Bedürfnispyramide. Das haben wir mal sein gelassen.
Dann hatten wir die McGregor XY-Theorie, dann ging es um Werte, aber fragen sie mich mal was Leichteres. Die Psychotypen werden es schon richten. Dafür bezahle ich sie ja.“

Frage: „Warum wollen Sie eigentlich wissen, was Menschen antreibt, was sie motiviert, das zu tun, was sie tun oder unterlassen.“

Nemo schaut ins Leere. Die Assistentin kaut an ihrem Stift und betrachtet ihre Fingernägel.

Frage: „Ist dies Interesse vergleichbar mit der wertfreien Neugier des Wissenschaftlers, die diese Forschung veranlasst?“

Nemo: „Die Entwicklung von Motivationsthesen verläuft für uns wie Produktentwicklung, sie wandelt sich in der Zeit und wir verkaufen die Thesen an unsere Führungskräfte und erhoffen uns Gewinn.“

Während er das sagte, trafen seine Augen den Interviewer. Der Mann war klar, glasklar wie eine Glasscherbe. Er weiß, was wichtig ist oder nicht, jedenfalls glaubt er das zu wissen.

Frage: „Wie erreichen Sie Ihre Führungskräfte?“

Der Interviewer verwendet den Begriff „Führungskraft“ hier in Ermangelung einer treffenderen Bezeichnung und weil der Begriff sich so eingebürgert hat und außerdem so schön griffig ist wie alles, was bestenfalls nur vage im Raum steht.

Nemo: „We want to get them by the balls… die deutsche Übersetzung ist leider im Wording unanständig, der Satz aber drückt das aus, was ich meine. Übersetzt für die Pastorentöchter: Wir wollen also ins Nähkästchen der Menschen schauen.“

Die eben noch am Stift kauende Assistentin errötete leicht, schaute verlegen auf die sieben Weltmeere und zupfte an ihrer weißen Bluse.

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Dr. Nemo grinste breit wie jemand, der soeben das Ei des Kolumbus aufgeschlagen hatte und es zum Frühstück verzehrt.

Nemo: „Wir haben eine Motivationsgeste. Sie heißt Daumen hoch und kommt insbesondere bei unseren männlichen Führungskräften bestens an. Das ist Viagra für die Seele und kostenneutral. Die Daumen bringt ja jeder selber mit und besitzt davon sogar zwei, just in case… und besonders bei unseren Motivationsmeetings in The Hall of Fame mit tausenden Mitarbeitern“

Frage: „It’s all about Sex?“

Nemo: „Wir halten es jedenfalls einfach, die Theorien versteht sowieso niemand, wir sind Praktiker.“

Eine letzte Frage: „Also, Sie meinen, Sie müssten Ihre Mitarbeiter motivieren? Für wen halten Sie Ihr Gegenüber? Das wäre dann eine Frage des Menschenbildes.“

Nemo: „Das steht alles in unseren Werten.“

Mit den Worten schob er eine Broschüre über den Glastisch, deren Hochglanzeinband so rutschig war, dass sie auf den Boden glitt.

Das Interview zum Thema Motivation war beendet. Der Interviewer schritt die 12 Meter zur großen Flügeltür, die sich automatisch öffnete, verabredete im Vorzimmer einen neuen Termin zum Thema „Was ist Führung und Verantwortung bei WMIA Inc.“ und ging…

Das Interview von und mit Kurt August Hermann Steffenhagen hier ebenfalls als Podcast.

Autor: Kurt August Hermann Steffenhagen

Über Kurt August Hermann Steffenhagen 66 Artikel
Der Autor Kurt August Hermann Steffenhagen entlarvt mit unglaublicher Energie, Geistesschärfe und ohne Blatt vor dem Mund veraltete Methoden, Ansichten und Vereinfachungen. Er war über 25 Jahre Berater und Coach im internationalen TopManagement. Sein Thema ist der Paradigmen-wechsel im Denken des Managements. Sein Buch zu diesem Thema mit dem Titel „Management by Farce: Der feine Unterschied zwischen Führung und Eierkochen“ erschien kürzlich im BusinessVillage Verlag.
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Kurt August Hermann Steffenhagen


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Jurist, M&A Coach und Autor

 

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