Dem Mainstream im Business voraus sein

Wir waren nicht mutig genug, wir hätten früher agieren müssen – so die Aussage von VW-Chef Matthias Müller.[1]

Und ich füge hinzu: Es braucht Mut, das auch zuzugeben. Sicherlich kann man behaupten, dass es im Nachhinein leicht ist, eine solche Aussage in den Raum zu stellen. Wie dem auch sei, es zeigt sich immer mehr, dass Mut gefordert ist. So vernehme ich immer häufiger die Worte: Wir haben Mut, neue Wege zu gehen! Wir haben Mut, es anders zu machen als die anderen! Wir haben Mut und verändern unseren Führungsstil, … Aber in der Realität zeigt sich meist nicht mehr viel von dem propagierten Mut, neue bahnbrechende Wege zu gehen.

  • So frage ich Sie, zu Beginn des Jahres 2018, ob Sie in Ihrem Unternehmen Veränderungen planen bzw. umsetzten möchten/müssen?
  • Wagen Sie es dabei, wirklich neue Wege zu finden? Wagen Sie es, über den Tellerrand zu blicken, Ihr Wissen als Führungskraft in revolutionärer Weise zu erweitern, und Veränderungen avantgardistisch umzusetzen?
  • Sind Sie wirklich bereit, vertraute Strategien tatsächlich loszulassen und sich auf unvertraute, neue Arbeitsweisen einzulassen?

Vielleicht sind Veränderungen bei Ihnen auch kein Thema, weil das Management und das Unternehmen aktuell sehr erfolgreich unterwegs sind. Das ist gewiss sehr erfreulich für Sie. Die Notwendigkeit, sich auf Veränderungen einzulassen, wird jedoch auch gerne etwas in die Zukunft geschoben bzw. verharmlost – so meine langjährige Beobachtung. Das hat selbstverständlich einen nachvollziehbaren, verständlichen Grund:

Wirkliche Veränderungen verändern – auch die Position all jener, die die Veränderungen planen und anleiten.

Das heißt aber, dass die mit einer bestimmten Position verbundenen Annehmlichkeiten und Sicherheiten ebenfalls eine Umgestaltung durchmachen. An diesem Punkt stellt sich die entscheidende Frage für das Management in anstehenden Veränderungsprozessen:

  • Welche Führungskraft ist wirklich bereit, die eigenen, mit der Position verbundenen Vorteile und Ansprüche in einem anstehenden Veränderungsprozess neu zu definieren?

Mit dieser Frage ist eine weitere Frage eng verbunden:

  • Können Sie als Führungskraft den Mut aufbringen, Veränderungsprozesse revolutionär anzugehen, sprich zuzulassen, dass das Management und Sie selbst als Führungskraft von den Veränderungen und den damit verbundenen Vor- und Nachteilen selbst betroffen sind, und nicht bloß die MitarbeiterInnen?

Versuchen Sie bei der Beantwortung dieser Frage wirklich ehrlich zu sein. Hier soll niemand beurteilt werden, sondern vielmehr Bewusstsein für das geschaffen werden, in welcher Weise man Entscheidungen fällt und Veränderungsprozesse aufsetzt. Frank Thelen spricht sehr deutlich davon, dass äußerst dringend Veränderungen in Deutschland anstehen. Das mag stimmen, aber sicher nicht durch Panikmache und übermäßiges Schlechtreden, wie es Ulrich Schäfer richtig formuliert.[2] So wird der Wandel nicht gelingen, und man wird weiterhin so tun, als ob man tiefgreifende Veränderungsprozesse aufsetzt, ohne jedoch tatsächlich anstehende Erneuerungen couragiert anzugehen. In einem meiner Posts beziehe ich mich in Bezug auf anstehende Veränderungen auf die Aussage von Karl Valentin:

Mögen hätten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut?

Auch wenn dieser Spruch schon viele Jahre am Buckel hat, trifft die Aussage noch immer den Kern der Sache. Die Veränderungsbereitschaft ist sicherlich gegeben. Es mangelt jedoch oft am Mut oder andersherum gesehen: Die Angst dominiert den Mut. So beißt sich die Katze in den Schwanz: Um mögliche Ängste in Bezug auf Veränderungsprozesse zu überwinden, braucht es Mut. Doch gerade die Ängste unterdrücken den Mut, und man landet in einem emotionalen Dilemma. Man kann zwar versuchen, jeden Veränderungsprozess so nüchtern, so fachspezifisch, technisch und objektiv wie möglich zu gestalten, doch Veränderungen berühren die Menschen – jeden Menschen. Das kann man nicht wegrationalisieren, auch wenn genau das gerne gemacht wird. Man versucht den unangenehmen Aspekten jeder Veränderung auszuweichen, in der Hoffnung, dass sich die mit den Veränderungen verbundenen Unannehmlichkeiten irgendwann von alleine in Luft auflösen.

Die Verhinderer der Veränderungen sitzen zwischen den Ohren – es sind negative Konditionierungen, Ängste, Neid, Befürchtungen und vieles mehr.[3]

Ich bin mir bewusst, dass sicher einige von Ihnen meine Aussage nicht gerne lesen werden. Genau an diesem Punkt braucht es das, womit man sich gerne rühmt, aber was bei genauer Betrachtung leicht in sich zusammenfällt – Mut. Mut, sich selbst und anderen gegenüber ehrlich zu zeigen. Mut, sich mit sich selbst rational und emotional auseinanderzusetzen, und nicht auf der Ja-Aber-Ebene hängen zu bleiben. Es braucht Mut, die Ausreden, weshalb es nur so geht und nicht anders, loszulassen und ehrlich einzugestehen, dass man Angst hat, wenn man es anders tun würde. Es braucht Mut, sich den eigenen Verhinderern, den Ängsten zu stellen. Aber das heißt nicht, dass man dadurch die Ängste loswird. Vielmehr ist es so, dass man sich mit den Ängsten bewusst und respektvoll vertraut macht, und in Begleitung der Ängste anstehende Veränderungsprozesse plant und aufsetzt.

Ohne bewusste Auseinandersetzung mit den Ängsten, verliert Mut an Durchsetzungskraft. Angst und Mut sind wie 2 Seiten einer Medaille.

Solange die Businesswelt sich hauptsächlich auf die fachlichen und technischen Kernkompetenzen bezieht, und damit Changeprozesse zu führen versucht, werden Veränderungen zwar möglich sein, aber nur in einem begrenzten Rahmen. Das mag sicherlich für die einen oder anderen genügen, aber irgendwann braucht es Mut und Angst, um eine wirklich bahnbrechende Erneuerung durchzugehen. Das Management von Kodak hat das nicht geschafft, um ein sehr deutliches Beispiel zu nennen. Kodak hatte die Notwendigkeit einer revolutionären Veränderung zu lange negiert.

Mut heißt u.a. auch, aus der Reihe zu tanzen. Genau das löst aber wiederum Ängste aus, und das Dilemma Mut-Angst sitzt uns erneut im Nacken. Die Angst, Anerkennung zu verlieren, Macht zu verlieren, Geld zu verlieren, in eine ungewisse Zukunft zu gehen, … schränkt unseren Entscheidungsspielraum deutlich ein: Jede/r Einzelne versucht den Ängsten zu entrinnen, die erlangten Sicherheiten zu bewahren, indem das Denken den erwünschten Normen angepasst werden. Es wird das getan, was erwartet wird, und nicht das, was man eigentlich tun könnte.[4] Und gerade in der Businesswelt zeigt sich noch immer eine weitreichende Homogenität im Arbeitsstil und Denken –mit einigen Ausnahmen.

  • Wagen Sie es, hie und da aus der Reihe zu tanzen? Oder gehen Sie lieber den Weg des geringsten Widerstandes?
  • Wagen Sie es, Ihre Meinung ehrlich zu sagen? Wie ist es, wenn Sie Kritik oder Ablehnung befürchten müssen?[5]

Eines kann hier, an dieser Stelle, gesagt sein. Es ist alles andere als einfach, aus der Reihe zu tanzen. Blicken wir einmal etwas genauer hin: Wer neigt nicht dazu, das Aus-der-Reihe-Tanzen zu schnell zu verurteilen und als eigensinnig, naiv und weltfremd abzustempeln?! – auch mir passiert das. Das Altbekannte verbindet die Menschen. Jeder, der sich auf etwas Neues einlässt, verliert das Vertraute und auch die Anerkennung und den Schutz der Gemeinschaft. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Somit ist es nur verständlich, wenn im Business nur wenige den Schritt über den Tellerrand wagen, und aus der Reihe tanzen. Vielleicht muss dieser Punkt: Angst davor zu haben, Macht, Einfluss, Anerkennung, … zu verlieren, eventuell als Sonderling abgestempelt zu werden, zuerst einmal vertrauensvoll mit sich selbst geklärt sein, bevor man als Führungskraft dazu übergeht, konkrete Changeprozesse aufzusetzen.

Ihr Günther Wagner


Literaturquellen:
[1] https://www.msn.com/de-at/nachrichten/other/vw-chef-müller-kritisiert-branchenverband-wir-waren-nicht-mutig-genug/ar-BBHeOG2. Am 2018-01-09 gelesen.
[2] www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsches-valley-nur-mut-1.3477817. Am 2018-01-09 gelesen.
[3] www.psychologie-heute.de/das-heft/aktuelle-ausgabe/detailansicht/news/falsche_gedanken_ueber_sich_selbst_stehen_einem_oft_im_weg/?tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=1. Am 2018-01-09 gelesen.
[4] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/der_mut_aus_der_reihe_zu_tanzen/. Am 2018-01-09 gelesen.
[5] www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/der_mut_aus_der_reihe_zu_tanzen/. Am 2018-01-09 gelesen.

Über Guenther Wagner, MBA 9 Artikel
Günther Wagner ist in Greifswald geboren, lebt heute in Salzburg und arbeitet selbstständig als Unternehmensberater, Management-Coach und Trainer. Zu seinen Beratungs- und Arbeitsschwerpunkten zählt u.a.: Leadership in hoch komplexen Zeiten, Digital Leadership, Arbeitswelt 4.0, die damit zusammenhängenden Veränderungswiderstände und ein entsprechendes Konfliktmanagement und Risikobewusstsein. Seine berufliche Expertise beruht auf knapp 30ig jähriger Führungs- und Managementerfahrung bei internationalen Versicherungsunternehmen, NGOs, beim Militär (Flugsicherheit) und ebenso auf seiner intensiven persönlichen Lebenserfahrung. Das verschafft ihm ein tiefgreifendes Verständnis, Wissen und Vertrauen im Umgang mit komplexen Herausforderungen. Man sagt über ihn, dass er es wagt über den Main-Stream-Tellerrand hinwegzusehen, Hardfacts ehrlich und ungefiltert anspricht, Prozesse anders zur Wirkung bringt und Ergebnisse neu definiert, indem er bewusst Umwege wählt, um dem Erfolg eine ganz neue Chance zu geben.
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Günther Wagner, MBA

 

UnternehmerBerater, Transition Coach & kreativer Querdenker | Wagner Consulting

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