Angenommen, wir wären mit Lean fertig…

… und hätten die völlig verschwendungsfreie Fabrik mit Einzelstückfluss und null Fehlern.

Na ja, Sie haben ja recht: mit Lean sind wir nie fertig, vielmehr nähern wir uns asymptotisch der beschriebenen Vision.

Also gut – zweiter Versuch: Angenommen, wir hätten mit Lean enorme Fortschritte erzielt und die Produktivität – sagen wir mal – verzehnfacht; natürlich auch in indirekten Bereichen, ja sogar in der öffentlichen Verwaltung. Wir lösen damit den Lean-Begriff von der Fabrik und sprechen von Lean Knowledge. Alles wäre beeindruckend effizient. Wäre das nicht toll? Darauf arbeiten wir doch hin, oder etwa nicht? Wir könnten nun mit dem gleichen Aufwand das Zehnfache leisten. Bezogen auf die Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen würde dies bedeuten, dass der Unternehmensumsatz sprichwörtlich durch die Decke ginge. Gewiss würden sich auch die Gewinne vergrößern. So weit, so gut – aber wer soll das alles kaufen? Irgendwann sind alle Märkte gesättigt – und ganz nebenbei alle Rohstoffe verbraucht. Das ergibt also keinen Sinn – verstehe.

Wie wäre es denn dann, wenn wir die Menschen dazu bewegen könnten, nicht mehr Produkte zu kaufen, sondern dies häufiger zu tun – eine 100%ige Kreislaufwirtschaft und die Zero-Emission-Fabrik selbstverständlich vorausgesetzt?

Damit dies funktioniert müsste der Produktivitätsfortschritt aber in Form von höheren Löhnen an die Mitarbeiter weitergegeben werden. Ist ja auch fair, denn schließlich sind es die Mitarbeiter, die in zahllosen Workshops -in nicht nur dort – die Produktion weiterentwickeln. Und diese Mitarbeiter würden nun, statt wie bisher alle fünf Jahre etwa alle sechs Monate ein neues Auto kaufen, alle zwei Jahre eine neue Küche und jedes Kleidungsstück nur fünfmal tragen. Sie merken: das Hamsterrad für den Mitarbeiter, der ja auch gleichzeitig der Kunde ist, würde sich beschleunigen. Produzieren, kaufen, produzieren, kaufen … bis ans Ende der Tage. Gefällt Ihnen diese Vorstellung? Also, mir überhaupt nicht! Erst recht nicht, wenn eine um ein Vielfaches effizientere Verwaltung nach dieser Logik ein Vielfaches an Verordnungen produzieren würde. Glauben Sie mir, sie würde es tun, da sie nun einmal dazu neigt, sich mit sich selber zu beschäftigen – unser aller Alptraum wäre perfekt.

Was halten Sie von folgender Idee? Wir steigern nicht die Produktionsmenge an Gütern, Dienstleistungen und Verordnungen, sondern verteilen Produktivitätsfortschritt in dieser Gesellschaft auf. Dies kann in zwei Währungen erfolgen – wie bereits erwähnt in Geld, vor allem aber in Zeit. Und viele werden sich für Letzteres entscheiden.

Ich glaube, das muss ich jetzt ein wenig erläutern: Bei jeder Verbesserung der Produktivität schwingt ja die große Angst mit, dass dadurch Arbeitsplätze verloren gehen: Damit dies aber nicht geschieht, muss der Produktivitätsfortschritt durch ein Mehr an Produktion – und damit Konsum – ausgeglichen werden kann. Diese Angst um Arbeitsplätze besteht aber nur deshalb, weil die sogenannte „Volle Stelle“ als anzustrebendes Ideal hochgehalten und alles andere als „atypische Beschäftigungsverhältnisse“ abqualifiziert wird.

Ein bisschen mehr Phantasie und Mut darf also schon sein. Wenn Lean Knowledge also dafür sorgt, dass die Arbeit in Industrie, Dienstleistung und Verwaltung weniger wird, dann muss sie verteilt werden. Denn es ist keine Option, 90% der Mitarbeiter zu entlassen und für soziale Unruhen zu sorgen. Auch ist es keine Option, millionenfach das Gefühl der Minderwertigkeit dadurch entstehen zu lassen, dass die einen vermeintlich wertvolle Arbeit im Wirtschaftsleben leisten und den Wohlstand erwirtschaften und diejenigen subventionieren, die eigentlich keinen Job haben, aber dafür das Laub in den Parks harken oder anderen Dienst an der Allgemeinheit leisten müssen.

Ich empfehle, alle Mitarbeiter zu behalten und sie immer weniger arbeiten zu lassen. Und wenn wir das eingangs erwähnte Ziel der Verzehnfachung der Produktivität erreicht haben, ist das, was heute eine ganze Arbeitswoche füllt, an einem halben Tag erledigt. Sie haben richtig gelesen: Ich spreche von der 4-Stunden-Woche, selbstverständlich bei voller Bezahlung – für die, die es wollen.

Was wäre dies für eine große Chance – für uns alle. Wir hätten Zeit und Muße, könnten unsere Persönlichkeiten weiterentwickeln, uns bei der Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens engagieren oder ehrenamtlich tätig sein. Vor allem: wir könnten uns wieder um unsere eigenen Kinder und Eltern kümmern, statt hierfür externe Dienstleister zu beauftragen.

Ist das eigentlich normal? Wir lachen nicht gemeinsam mit unseren Kindern, sondern wir lassen lachen, wir kümmern uns nicht um unsere Eltern, sondern lassen kümmern.

Das mit der Industrialisierung entstandene größte Outsourcing-Projekt der Menschheitsgeschichte ist nicht die Verlagerung der Produktion in sogenannte Billiglohnländer, sondern das aus Zeitmangel betriebene Verlagern von Kindern und Alten in Erziehungs- und Pflegeanstalten. Das Outsourcing des Sich-Kümmerns um Familienmitglieder und die damit entstandene Sozialindustrie wären so nur eine Episode in der Geschichte der Industrie.

Rund 50 Mrd. Arbeitsstunden werden derzeit in Deutschland geleistet. Würde nur ein Fünftel dieser Stunden durch den Erfolg von Lean Knowledge entfallen, dann wären doppelt so viele Stunden gewonnen, wie derzeit für alle Sozialdienstleistungen und ehrenamtlichen Tätigkeiten zusammengenommen aufgewendet werden.

Wir würden in eine neue Phase eintreten, in der der Aufwand für die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse und der Erwirtschaftung des persönlichen Wohlstands in den Hintergrund tritt und wir für einander da sein können und wir wieder wir selber sein können.

Die Welt wäre eine bessere – dank Lean Knowledge. Also mir gefällt diese Vorstellung – und Ihnen?

Das hat mit Postindustrieller Gesellschaft übrigens nichts zu tun. Selbstverständlich gibt es noch Industrie, sie wird weiterhin benötigt – es wird aber keine wochenfüllende Veranstaltung mehr sein, den Bedarf an Gütern zu befriedigen und sich selber zu verwalten.

Ach, Sie meinen, die Menschen werden diese Zeit nicht nutzen, sondern sich dem Müßiggang und der Trunksucht hingeben?

Kann schon sein, dass sich einige hierfür entscheiden. Wenn Sie das aber von allen Menschen glauben, wäre hiermit eine gute Gelegenheit, Ihr Menschenbild zu überdenken. Dabei hilft ein Blick dahin, wo die Menschen sich aus eigenem Antrieb engagieren oder kreativ sind. Ihre Nachbarschaft und das Netz sind voll mit guten Beispielen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Gesellschaftliche Errungenschaften, wie Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Kultur entstehen dort, wo Menschen die Zeit dafür hatten und nicht mehr den ganzen Tag für ihr Auskommen arbeiten mussten. Sie konnten nachdenken oder Personen bezahlen, die dies stellvertretend für sie tun.

Fortschritt gibt es also nur, wenn man dem Denken Zeit schenkt. Dies gilt für die Produktion im Kleinen – die kontinuierliche Verbesserung braucht Raum und Zeit – wie für die Gesellschaft insgesamt. Statt atemlos von einem Umsatzrekord zum nächsten zu jagen, von einem Konsumkick zum nächsten, könnten wir uns die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben nehmen – dank Lean Knowledge.

So erhält Lean Knowledge seinen tieferen Sinn. Und dafür lohnt es sich zu streiten. Finden Sie nicht auch? 

Autor: Prof. Dr.-Ing. Andreas Syska

 

Prof. Dr.-Ing. Andreas Syska

Nach seiner Promotion zum Dr.-Ing. ist er in die Industrie gewechselt – und zwar zur Robert Bosch GmbH nach Stuttgart. Dort war er zunächst Assistent in der Werkleitung und wurde Produktionsleiter bei einer Tochtergesellschaft des Konzerns. Es folgte ein kurzer Aufenthalt im Beratungshaus Arthur D. Little.

Kurze Zeit später erhielt Syska den Ruf an die Hochschule Niederrhein nach Mönchengladbach. Dort vertritt er seitdem das Lehr- und Forschungsgebiet Produktionsmanagement und versucht seinen Studenten sowie seinen Kooperationspartnern in der Industrie ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiterzugeben.

Prof. Dr.-Ing. Andreas Syska gehört zu den bekanntesten Kritikern von Industrie 4.0. Nicht per se, sondern so, wie es von der Politik, den Interessenverbänden und Technologieanbietern propagiert wird. Syska führt dabei gute Argumente auf, schaut bei all seiner Kritik auch in die Zukunft und steht für ein „Denken, welches nicht am Werkstor endet.“


 

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