Strategiegespräch über die Zukunft bei WMIA Incorporated

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo… Eine ernst gemeinte Persiflage

Das folgende Interview bzw. die haarsträubende Beschreibung einer Vorstandssitzung zur Strategie im erweiterten Führungskreis bei WMIA Inc., dem größten und mehr oder weniger erfolgreichsten Unternehmen der Welt in Los Straneros, hat einen realen Hintergrund. Sie hat tatsächlich so oder so ähnlich in einem Großunternehmen stattgefunden. Die Szene ist natürlich verfremdet, Variationen einer Übereinstimmung mit der heutigen Realität, die ein jeder für sich in seinem Umfeld finden mag, sind gewollt.

Getreu der allseits bekannten und besonders am Wochenende wenig beachteten Volksweisheit „Morgenstund‘ hat Gold im Mund“ zeigte der Zeiger der Uhr die sechste der morgendlichen Stunden, zu der dies Treffen angesagt war.

Nemo: „Good morning, ladies and gentlemen.

Die Amtssprache dieses Weltunternehmens ist natürlich englisch. Der Interviewer berichtet deutsch, man möge ihm Fehler in der Übersetzung verzeihen.

An „Ladies“ fehlte es allerdings in der Runde, wenn man von den beiden rosa denkenden Vorstandsmitgliedern absah.

Anwesend war auch ein Berater der Firma McComic, der allerdings keinen Spaß verstand. Der Interviewer war ihm ein Dorn im Auge… McComic wittert an jeder Ecke Konkurrenz… man macht sich ja mit der Schreiberei nicht nur Freunde.

Der zuständige Vorstand für Unternehmensentwicklung, Herr Honorar-Professor Dr. Straightline hatte eine Eisenbahnschiene, gefertigt aus Sperrholz, mitgebracht. Sie war auf zwei Holzböcken gelagert, mit schönen Farben bemalt, die aus dem Tuschkasten des Hausmeisters stammten, in dem die mahnende Farbe „Schwarz“ als Kontrapunkt zum Optimismus getreu der Firmenphilosophie natürlich nicht existierte.

In regelmäßigen Abständen hing an der Schiene ein Zettel mit der Beschreibung des nächsten Schrittes in die Zukunft, man nennt das „Deadline“… auf eine wörtliche Übersetzung dieses Begriffes wird hier aus Respekt verzichtet … und daneben ein kleines Bahnhofshäuschen mit einer Miniatur des Bahnhofsvorstehers, die entfernt der Figur Herrn Dr. h.c. Nemo ähnelte.

Nemo hatte den Bestseller aus der Ratgeberserie: „Eternal Answers“ mit dem Titel “Der Zug der Zukunft“ gelesen. Für ihn eine wegweisende Inspiration, die er sozusagen als begleitendes Szenario der Strategiesitzung von WMIA Inc. gern nutzte.

Die Vorstände hatten deshalb heute Eisenbahneruniformen an, sie stammten aus dem Museum des Unternehmens, das den Grundstock zu seinem Reichtum mit Eisenbahnen verdient hatte, also auf geraden Schienen in die Zukunft lief und deren Endstücke inclusive Prellbock heute noch auf dem Bahnhof der Farm „Never Land“ des Popsängers Michael Jackson ihren ehrenden Platz in der Geschichte des Erfolgs haben.

Elvira traf später ein und als sie das Spektakel sah, war sie so entsetzt, dass sie in ihre Muttersprache verfiel und ausrief; „Che cosa…“, was in diesem Zusammenhang übersetzt so etwa heißt „Hast Du noch alle Tassen im Schrank“.

Die Verkleidung der Vorstände in Eisenbahneruniformen war eine Idee des Beraters und Nemo hatte seinen Satz beherzigt: „Der Zug darf nicht ohne uns abfahren…“ und irgendetwas mit dem Zug der Zeit hatte er wohl auch zu wörtlich genommen.

Es ging um die Strategie für die nächsten 10 ½ Jahre.

Herr Honorar-Professor Dr. Straightline, Mitglied des Vorstands, trug vor. Da solche Vorträge und die anschließende Diskussion immer den gleichen Inhalt haben, wird hier auf eine Darstellung verzichtet.

Also zum Beispiel, um dann doch die Neugier aus dem Blick durchs Schlüsselloch zu befriedigen: Der Finanzchef mit Spitznamen Dr. No wendete dem Honorar-Professor Dr. Straightline gegenüber getreu der Tradition und aufgabengemäß das ein, was Elvira schon vorher im Protokoll festgehalten hatte. Vor ihm lagen übrigens die immer wieder zitierten paar Erbsen, die er bis auf den heutigen Tag noch nicht zu Ende gezählt hatte und immer wieder von vorne anfing.

Die Vorstände erhoben sich vor der ersten Pause und sangen das Lied „Wir sind die Zukunft“, eine Variation des Ohrwurms „We are the champions“ und marschierten im Kreis. Nemo gab mit seiner goldenen Trillerpfeife den Takt vor …. Zukunft eins, Zukunft zwo, Zukunft drei, Zukunft vier… Seitenschritt und Zukunft zwo, drei, vier und Seitenschritt…
Die beiden Gay People im Vorstand spielten Dame und Herr, wobei der eine von ihnen Schwierigkeiten hatte, bis drei zu zählen, geschweige denn bis vier wie es der Takt der Zukunft gebot.

Anzeige

Die Vorstände tranken Wasser, jenes heilige Wasser, was einer der Ertragspfeiler des Unternehmens ist. Allerdings enthält die Vorstandsversion des Getränks einiges an heiliger Geistigkeit, so ungefähr 62,5 Prozent.

Der Interviewer kannte die Herren Vorstände aus anderen Unternehmen, einer von ihnen war sogar sein Professor an der Universität, ein Autor unzähliger oder auch unseliger Bücher. Die Herren sind ja nicht blöd, dachte der Interviewer, aber sie sind mit Verlaub gesagt, besoffen.

Das letzte Mitglied der Eigentümerfamilie am Tische der Entscheidungen träumte von der Vergangenheit, für ihn war sowieso der Zug schon lange aus der Halle.

Der Berater fühlte sich mal wieder nicht gesehen. Hager von Gestalt war er und auch sonst sehr kantig, stocknüchtern und marathongestählt, was ihn aber nicht besonders wertvoll macht, zumal der grundlegende Satz von „Meet the client at his world“ nicht zu seinem elaborierten Harvard-Weltbild passt.

Elvira legte Dr. Nemo einen vorbereiteten Text vor. Die Ausarbeitung des Textes war der Grund für ihre Verspätung.

Nemo: „Meine Herren! Wir müssen die Zukunft anders sehen als bisher! Trivial and Error gilt nicht mehr“.

Elvira zwinkerte ihm zu, ein verabredetes Zeichen, dass Nemo einen Fehler gemacht hatte.

Nemo: „Äh, Mmmmh also Trial-and-Error gilt nicht mehr. Die Zukunft ist komplexer geworden. Wir können ihr nicht mehr mit unserem lapidaren Denken begegnen.

Elvira zwinkerte schon wieder.

Nemo: „Äh, Mmmmh, mit unserem linearen Denken begegnen.“
Und er führte weiter aus: „Diese Komplexität ist jenseits der Ratio und nur mit Inspiration zu begegnen. Inspiration zur Bewältigung unserer Aufgaben ist der Tool in die Zukunft. So hat mein Großvater vor 100 Jahren auch schon gehandelt.

Im Großen und Ganzen war es das mit der Strategiesitzung auf höchster Ebene.

Elvira begleitete den Interviewer zum Fahrstuhl.

Ich werde Dr. Nemo vorschlagen, dass wir uns mal zum Thema Komplexität der Zukunft unterhalten. Irgendwie ist das eine offene Frage. Wir sehen uns nächsten Dienstag.

Auf den Bildschirmen in der Eingangshalle flimmerten kleine Filme von Zügen, die ins Nirgendwo führten.

„Aber warten wir ab…“, dachte Interviewer.


Das Interview von und mit Kurt August Hermann Steffenhagen hier ebenfalls als Podcast.

Autor: Kurt August Hermann Steffenhagen

Über Kurt August Hermann Steffenhagen 124 Artikel
Der Autor Kurt August Hermann Steffenhagen entlarvt mit unglaublicher Energie, Geistesschärfe und ohne Blatt vor dem Mund veraltete Methoden, Ansichten und Vereinfachungen. Er war über 25 Jahre Berater und Coach im internationalen TopManagement. Sein Thema ist der Paradigmen-wechsel im Denken des Managements. Sein Buch zu diesem Thema mit dem Titel „Management by Farce: Der feine Unterschied zwischen Führung und Eierkochen“ erschien kürzlich im BusinessVillage Verlag.
Loading Disqus Comments ...
Loading Facebook Comments ...

No Trackbacks.

Kurt August Hermann Steffenhagen


Kurt August Hermann Steffenhagen

Jurist, M&A Coach und Autor

 

Home