Training Within Industry

Unterweisen • Führungskultur • Verbessern

Training Within Industry (TWI)

In nicht wenigen Fällen gibt es Vorbehalte gegen Lean Management, weil zwar erkannt wurde, dass es zum erfolgreichen Einsatz in Unternehmen mehr als den Einsatz von Methoden und Werkzeugen benötigt wird. Gleichzeitig besteht die Annahme, dass die fernöstlich-japanische Kultur eine ebenso wichtige Rolle dabei spielt. Da Lean Management ein Modell ist, das seit den 1990er Jahren durch Beobachtung von Toyota entstanden ist, liegt diese Schlussfolgerung sehr nahe. Was dabei verkannt wird und in sprichwörtliche Vergessenheit geraten ist, ist die ursprüngliche Herkunft zentraler Aspekte des Toyota Production System aus einem US-amerikanischen Regierungsprogramm, das in den früheren 1940er-Jahren entstanden ist.

Zweck dieses Programms war die Unterstützung der US-amerikanischen Industriebetriebe, den gesteigerten Bedarf an Rüstungsgütern zu decken. Ursprünglich als reine Beratungsleistung angedacht, wurde frühzeitig offenbar, dass diese nicht zum gewünschten Ziel führt. Aus dem Bedarf an konkreter Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe ist dann das Programm des Training Within Industry (TWI) entstanden. Ein wichtiger Aspekt war dabei auch die schnelle Integration ungelernter Arbeits­kräfte in die Unter­nehmen und deren Arbeitsabläufe bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität und Reduktion von Fehlleistungen und Arbeitsunfällen. Ermöglicht wurde dies durch die Ausbildung von Führungs­kräften in Train-the-Trainer-Programmen.

Die Bestandteile des TWI tragen drei der fünf Bedürfnisse jeder Führungskraft (Supervisor im engl. Original) Rechnung:

  • Wissen über die Arbeit – wird über die Ausbildung abgedeckt (kein TWI-Bestandteil)
  • Wissen über die Verantwortung – wird unternehmenspezifisch abgedeckt (kein TWI-Bestandteil)
  • Fähigkeit zur Unterweisung – wird durch das Job Instructions Training (JIT) vermittelt
  • Fähigkeit zur Verbesserung – wird durch das Job Methods Training (JMT) vermittelt
  • Fähigkeit zur Führung – wird durch das Job Relations Training (JRT) vermittelt

Ähnlich wie Lean Management bzw. das TPS basiert das TWI-Programm auf bestimmten Prinzipien, die auch ein Menschenbild widerspiegeln.

  • Wenn der Mitarbeiter nicht gelernt hat, hat der Ausbilder nicht gelehrt – Job Instructions
  • Führungskräfte schaffen Resultate nur durch Menschen – Job Relations
  • Menschen müssen als Individuen behandelt werden – Job Relations
  • Für alle drei Job-Trainings gelten die folgenden Prinzipien: Standards entstehen durch gute Unterweisung, die kontinuierliche Übung dazu darf nicht zu früh beendet werden.

Die drei Trainings haben folgende Gemeinsamkeiten:

  • Die Trainings umfassen fünf Module à 2 Stunden.
  • Die Module finden in regelmäßigem, kurzem Abstand statt, idealerweise an fünf Tagen innerhalb einer Woche.
  • Die Trainings werden für 9-11 Teilnehmer durchgeführt, im Fokus stehen dabei Führungskräfte der untersten Ebene („Supervisor“, Vorarbeiter ö.ä.).
  • Die Trainings basieren auf spezifischen Vier-Schritte-Methoden.
  • Der Gebrauch der trainierten Methoden wird durch den Einsatz von entsprechenden Methodenkarten unterstützt.
  • In den Trainings werden reale Situationen der Teilnehmer aus deren betrieblichem Umfeld geübt und durchgesprochen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das TWI-Programm auf bewährte Konzepte zurückgreift, die auch heute noch relevant sind. Dabei werden vor allem die unteren Führungskräfte befähigt, ihre Mitarbeiter richtig anzuleiten, sie in die Verbesse­rungen der täglichen Arbeit einzu­beziehen und durch menschenorientierte Führung eine positive Arbeitskultur und -atmosphäre für Verän­derung, Verbes­serung von Methoden und Standardi­sierung von Tätig­keiten zu schaffen.

Nach dem Ende zweiten Weltkriegs wurde das TWI-Programm in verschiedene Länder „exportiert“, unter anderem nach Japan. Ab 1950 wurde es ein tragender Bestandteil bei der Entwicklung des Toyota Production System. In den USA selbst ist das Programm allerdings sehr schnell in der Versenkung verschwunden, vor allem aufgrund der damals marktbeherrschenden Stellung amerikanischer Unternehmen, der Rückkehr der früheren Arbeitskräfte ins das zivile Arbeitsleben und dem resultierenden Wegfall des ursprünglichen Bedarfs an Produktivitätssteigerungen. 2001 wurde das TWI-Programm in den USA wiederentdeckt. Durch die langsame Verbreitung in andere Länder findet heute eine aktive Rückbesinnung auf die Wurzeln des Lean Management statt.

Am TWI-Programm begeistert mich die Einfach­heit des Prinzips, die universelle Einsetz­barkeit und die Chance, die kommenden Heraus­forde­rungen der Arbeitswelt aufgrund der gesell­schaft­lichen Verände­rungen durch Verschiebung der Alters­struktur und Zuwan­derung zu bewältigen.

In weiteren Beiträgen gehe ich auf die einzelnen Bestandteile des TWI-Programms ein.

Autor: Götz Müller

Über Götz Müller 11 Artikel
Götz Müller ist Ingenieur, Berater, Redner, Autor (NLP in der Lean-Praxis – Menschlich-soziale Erfolgsfaktoren für Lean, KVP & Co.), Blogger und Podcaster (Kaizen2go). Er beschäftigt sich schon über 19 Jahre mit Prozessoptimierung in unterschiedlichen Bereichen (Entwicklung, Produktion, Werkstatt, Baustellen und Verwaltung) und Branchen (Industrie, Dienstleistung, Baugewerbe und Handwerk) auf Basis von Lean und Six Sigma. Als Berater ist er Ansprechpartner für die Geschäftsführung, Coach für Führungskräfte und Trainer für Mitarbeiter auf allen operativen Ebenen. Er ist wohnhaft im Raum Stuttgart und unterstützt von dort aus seine Kunden hauptsächlich in Südwestdeutschland. Ihm liegt nicht nur der methodische Einsatz der Prozessoptimierung am Herzen, sondern auch die menschlichen, kulturellen und historischen Hintergründe und Grundlagen.
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Götz Müller

 

Six Sigma Black Belt / NLP Master Practi­tioner
GeeMco : Götz Müller Consulting

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