Über die Schweißspur wundergläubiger Manager

Schon vor über vierzig Jahren beobachtete der Gesellschaftsfuturologe Alvin Toffler eine Tendenz, die das System der Bürokratie immer mehr herausfordert und schließlich ganz ersetzen wird: Toffler sprach von der „Adhocratie“.
Bürokratien eignen sich bestens für Aufgaben, bei denen viele Mitarbeiter ohne Spezialausbildung Routinearbeiten ausführen. Es sind statische Gebilde und dauerhafte Strukturen mit einem einfachen hierarchischen Aufbau aus dem Maschinenzeitalter. Adhocratien verlangen völlig andere Führungsmechanismen und Technologien.

Aktion gleich Reaktion

Das langsame Tempo des Maschinenzeitalters gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. „Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig. Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters“, so Marshall McLuhan in seinem legendären Opus „Die magischen Kanäle“. Entsprechend steigt die Unzufriedenheit. Echtzeit-Management kann man nicht mehr mit den Methoden des Fordismus bewältigen.
Es gehe nicht mehr darum, herauszufinden, wie sich das Flüchtige besser zementieren lässt, kommentiert die Publizistin Kathrin Passig. Wir müssten kompetenter im Umgang mit veränderlichen Konstellationen werden, statt napfschneckengleich an immer denselben Stellen klebenzubleiben.

Dennoch halten vor allem Führungskräfte der Wirtschaft am Diktum der Planbarkeit fest.

In seinem Buch „Risiko, also bin ich“ beschreibt Frank Böckelmann die Kehrseiten dieser permanenten Selbstüberforderung:

„Überall werden lebensfüllende Erfolgs-, Gesundheits- und Sicherheitsprogramme gehandelt. Sie werden zum Lebensersatz, wenn sie uns nicht sagen, wann das Streben nach Erfolg, Gesundheit und Sicherheit anderen Unternehmungen zu weichen hat. Wann die Grenzen meiner Ichlings-Wirtschaft erreicht sind. Die Vorsichtigen, die jährlich Durchgescheckten und die umsichtig Beratenen erleben es heute, dass ihre Sicherheiten heimtückische Sorten von Unsicherheiten sind.“

Beratende Laberköppe

Warum boomt die Coaching-Industrie seit Jahren? Und warum sind die oberschlauen Coaching-Meister nicht selten abgehalfterte Laberköppe, die es in ihrem erlernten Beruf nur selten zur Meisterschaft gebracht haben?

„Warum will ein Meister der Wahrscheinlichkeitsrechnung den Lottospielern gegen geringes Entgelt verraten, wie die Gewinnchancen mittels raffinierter Systemwetten optimiert werden können? Warum optimiert er nicht seine eigenen Chancen und setzt sich mit den gewonnenen Millionen zur Ruhe? Warum begleitet ein berufsmäßiger Karriereberater überforderte Führungskräfte beim Bewältigen und Kräftesammeln, anstatt die Erfolgsleiter in der Wirtschaft selbst zu besteigen“, fragt sich Böckelmann.

Die Scharlatane der Beratungsindustrie treffen dabei auf die Schweißspur wundergläubiger Manager, die sich unter wachsendem Leidensdruck nach geheimnisvollen Formeln sehnen: Die sieben goldenen Regeln für Reichtum, das Vademekum für Macht oder das Arkanum des digitalen Storytellings. Die hartnäckige Absicht, sich selbst und das künftige Leben zu verplanen, ist zum Scheitern verurteilt, denn sie leugnet das Risiko.

Autor: Gunnar Sohn

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Über Gunnar Sohn 10 Artikel
Gunnar Sohn ist Wirtschaftspublizist und schreibt für die Netzpiloten. Er ist Diplom-Volkswirt (FU Berlin) und war wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Bundestages, der Konrad-Adenauer-Stiftung, Instituts für Demoskopie Allensbach und Leiter der Unternehmenskommunkation bei o.tel.o. Der leidenschaftliche Barcamper und Wanderer zwischen den Welten ist heute freiberuflich als Wirtschaftspublizist, Buchautor, Blogger, Medienberater, Moderator und Kolumnist tätig.
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