Verantwortung

Die heiße Kartoffel… Eine ernst gemeinte Persiflage

Im Folgenden lesen Sie die Mitschrift eines weiteren Interviews mit dem CEO der WMIA Inc., Herrn Dr. h.c. Any Nemo.

Wir befinden uns wieder im 124. Stockwerk des Verwaltungsgebäudes der WMIA in Los Straneros, dem größten und mehr oder weniger erfolgreichsten Unternehmen der Welt.

Der CEO, Herr Dr. h.c. Any Nemo verspätet sich zum Interview.
Seine Assistentin Elvira, eine Mischung aus Barbiepuppe, Gina Lollobrigida und Mutter Theresa, letzteres  jedenfalls, was die Bescheidenheit in puncto ihres Gehaltes angeht, lächelt mir die Wartezeit weg und fast hätte ich ihr Lächeln mit dem der Mona Lisa verwechselt und kurz nachdem ich bemerkte, dass sie gelegentlich schielt, was ja ein Hinweis auf vollständige emotionale Ergebenheit sein soll, trat mit wehendem Rock ( die Bezeichnung „Rock“ ist diejenige, die man zu Zeiten eines Herrn Taylor vor hundert Jahren für das Gewand der Denkenden ganz oben in der Hierarchie, der heiligen Ordnung angesiedelten Menschen verwandte, „Taylor“ heißt ja auf Deutsch „Schneider“… also die zurecht geschneiderte herrschende Ebene) der Herr Doktor ins Büro.
Er wirkte nervös, etwas zerfahren. Elvira schaute ihn erwartungsvoll an und stellte ihre Pupillen gerade.

Nemo: „Sie werden meine Verspätung entschuldigen, aber da liegt jemand in den Wehen, wir erwarten gerade mit Bangen die Geburt der Vernunft. Die gab’s schon mal vor 2000 Jahren, verhindern können wir das nicht, aber wir werden sie, na ja, Sie wissen schon… was damals passierte…

Frage an Herrn Dr. Nemo: Sie glauben an Gott?

Nemo:“… klar, glaube ich an mich… aber kommen wir zum Thema „Verantwortung bei WMIA Inc.“

Frage: „Ihr Unternehmen hat einen Begriff erfunden.

Nemo: „Ja, der heißt „Begriffsmarketing“ oder auf Deutsch „Certified Lies“.

Elviras Augen stellten sich wieder auf ergebungsvolles Schielen, die Ehrfurcht teilte der Interviewer zwar nicht, doch ist diese kleine Randnote im Verhalten bemerkenswert, besonders im orangenen Licht eines mediterranen gleichzeitigen Sonnenaufgangs und -untergangs, der von der automatischen Farbbeleuchtung zu diesem Zeitpunkt eingestellten Stimmung.

Frage: „Sie haben sich also mit dem Begriff der Verantwortung und seiner Operationalisierung befasst? Was meinen Sie mit Marketing der Begriffe?“

Hier zeigte sich dann doch der Wert einer Harvard Ausbildung, wie sie Dr. Nemo vorweisen kann, wohingegen der Interviewer mittlerweile das Gefühl hatte, die geistige Treppe herunterzufallen.

Nemo: „Begriffe sind Erfindungen. Ihr drüben in Old Europe glaubt noch an die Wahrheit. Wir spielen damit und untersuchen die Begriffe auf ihre Kundenakzeptanz oder bringen sie auf diesen Kurs will heißen, wir passen sie dem Main Stream an, den wir selber kreiert haben.“

Der Interviewer bereute im Stillen, so viele Bücher gelesen zu haben….

Nemo: „Also, im Zuge dieses Marketings der Begriffe haben wir uns die „Verantwortung“ mal vorgeknöpft. Sie wissen ja, wir haben eine eigene Universität, in der wir etliche Honorar-Professoren alimentieren.“

Frage: „Ist Verantwortung nicht etwas, das bei HR oder in der Organisationsabteilung angesiedelt ist?

Nemo: „Wir haben kein HR mehr. Wir haben diese Abteilung im Marketing untergebracht und die ehemaligen Mitarbeiter des HR stricken jetzt Pullover mit Ginseng Motiven oder wie heißt das nochmal?“

Nemo schaute auf Elvira, die sofort errötete, was sie neben ihrem Lächeln geradezu erotisch in diesem heiligen Saal erscheinen ließ. „Das Symbol des Tao, liegende Acht, Yin und Yang“, hauchte sie und in ihrer Stimme war eine Attitüde zu spüren, über die man den Herrn Doktor mal später befragen könnte.

Interviewer: „Kommen wir auf den Punkt.“

Nemo: „Verantwortung“ …. und dabei zog er eine Schublade seines Schreibtisches auf … „ist nach Erkenntnis unserer Wissenschaftler wie eine heiße Kartoffel. Das ist der eine Aspekt, ein weiterer wichtiger folgt gleich. Unser verehrter Universitätsprofessor der WMIA-Universität, der deutschstämmige Prof. Dr. mett. Wurst hat Verantwortung in zwei Aspekte geteilt.“

Zwischenbemerkung zur geflissentlichen Kenntnis: Professor Wurst ist übrigens mit dem „Pour le Merite“ der Verwurstungsindustire ehemals wissenschaftlich begründeter Erkenntnisse, abgekürzt W.d.G. „Wurstenden des Geistes“, ein Unternehmen von WMIA Inc., geehrt für seine Leistung, die Erkenntnis der Wissenschaft zu verwursten.
Ja gut, den können wir ja später interviewen…

Nemo: „Der eine Aspekt ist die sportliche Disziplin des Wegschiebens der Verantwortung, es die Kunst, eine heiße Kartoffel, nämlich die der Verantwortung so schnell wie möglich loszuwerden. Eine Disziplin, die demnächst olympische Ehren erreichen wird.“
Nemo griff in seine Schublade und hielt eine goldene Kartoffel hoch.
„Hier ist meine Kartoffel mit Schwertern und Brillanten, die bekommt das Topmanagement bei uns verliehen.
Die Kartoffel ist übrigens aus purem Gold, eine Hommage an die Schwere der Verantwortung, die jemand trägt und der das spezifische Gewicht dieses Metalls geradeso gerecht wird. Auf jeder Stufe der Karriereleiter entledigen sich unsere Führungskräfte der Verantwortung bis schließlich ganz oben angelangt die heiße Kartoffel entleert von allem Verantwortungsballast nur noch aus Gold besteht… das sind dann unsere Vorstands-Boni.“

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Es gibt im amerikanischen das Wort „bewildered“, knapp übersetzt heißt das verwirrt oder perplex sein. So ähnlich schaute der Interviewer in dem Moment aus seiner Wäsche.

Nemo: „Der zweite Aspekt der Verantwortung und das ist der wesentliche Grund, weshalb wir die Frage der HR-Abteilung entzogen und dem Marketing zugeschlagen haben, ist Folgender: Im Falle eines Missgeschicks, beispielsweise der Halbierung unseres Aktienkurses oder des Auseinanderbrechens eines mit Schweröl beladenen Großtankers vor der Küste eines Urlaubslandes, kreieren wir die Antworten nach der Verantwortung so, dass wie bei einem Ölfleck, um im Beispiel zu bleiben, schließlich alles verwaschen ist.“

Frage: „Gibt es denn nicht Tatsachen, die die Verantwortlichkeit belegen?

Nemo: „Tatsache ist das, was wir sagen, wir sind immerhin das größte Unternehmen der Welt mit der besten Marketingabteilung.“

Der Interviewer dankte für das Gespräch, zumal Dr. Nemo wegen der zu befürchtenden Wiedergeburt des Verstandes verständlicherweise kurz angebunden war.

Elvira begleitete den Interviewer aus dem Büro.
Entschuldigung, dass wir nur über Verantwortung gesprochen haben. Das Thema Führung bei WMIA würde der Herr Doktor gern mit Ihnen das nächste Mal am nächsten Dienstag besprechen.

Der Fahrstuhl hatte nur einen Knopf, darauf stand Zukunft…. Der Interviewer ging lieber zu Fuß, man weiß ja nie, was die Knöpfe bedeuten und wer weiß, wo man ankommt im Reich von WMIA Inc…

Das Interview von und mit Kurt August Hermann Steffenhagen hier ebenfalls als Podcast.

Autor: Kurt August Hermann Steffenhagen

Über Kurt August Hermann Steffenhagen 127 Artikel
Der Autor Kurt August Hermann Steffenhagen entlarvt mit unglaublicher Energie, Geistesschärfe und ohne Blatt vor dem Mund veraltete Methoden, Ansichten und Vereinfachungen. Er war über 25 Jahre Berater und Coach im internationalen TopManagement. Sein Thema ist der Paradigmen-wechsel im Denken des Managements. Sein Buch zu diesem Thema mit dem Titel „Management by Farce: Der feine Unterschied zwischen Führung und Eierkochen“ erschien kürzlich im BusinessVillage Verlag.
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Kurt August Hermann Steffenhagen


Kurt August Hermann Steffenhagen

Jurist, M&A Coach und Autor

 

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