Vorstandssitzung

oder Schiffe versenken 4.0… Eine ernst gemeinte Persiflage

Im Folgenden lesen Sie die Mitschrift eines weiteren Interviews mit dem CEO der WMIA Inc., Herrn Dr. h.c. Any Nemo.

Heute geht es ein Stockwerk höher, in die 125. Etage des Verwaltungsgebäudes von WMIA Inc. zur Vorstandssitzung des größten und mehr oder weniger erfolgreichsten Unternehmens der Welt.
Diese freundliche Einladung bedeutet eine besondere Ehre, die sicher darauf beruht, dass der Interviewer das Buch „Wie baue ich Vertrauen auf?“ auswendig gelernt hatte.

Die Teilnahme an einer Vorstandssitzung unplugged bedarf selbstverständlich für den externen Teilnehmer – der Interviewer ist der Erste, dem die Ehre zuteil wird – einiger Maßnahmen und Regeln.

Das Anfertigen von Handnotizen ist nicht erlaubt. Der Interviewer muss sich einer Leibesvisitation unterziehen, wobei ihm blöderweise seine Brille abgenommen und durch zwei Augenklappen, die man sonst beim Fliegen auf Intercontinentalflügen zum leichteren Einschlafen trägt, ersetzt wird. Stifte und Schreibblöcke werden einbehalten.

Insofern gibt es hier nur ein Gedächtnisprotokoll aus dem Innersten des Konzerns.

Es besteht auch ein Fotografierverbot, was allerdings in Anbetracht der Augenklappen eigentlich nicht notwendig war. Der Unsicherheitsbeauftragte meinte allerdings „doppelt gemoppelt“ hält besser.

Elvira, die bezaubernde Assistentin des Vorstands nimmt den vorübergehend Blinden bei der Hand, was ja schon mal ein nicht zu verachtender prickelnder Anfang dieser Beschreibung ist, zumal schon allein ihre Hände ein solches Gefühl von edelster Seide vermitteln, dass man noch nachträglich verstehen kann, warum Marco Polo schon vor 700 Jahren die Mühen einer Reise bis nach China auf sich nahm, um diese perlende Sanftheit wenigstens als umschmeichelndes Gewand zu erleben.

Normalerweise meldet sich der Autor dieser Satire nicht zu Wort, doch hier ist es angebracht, darauf hinzuweisen, dass es möglicherweise Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit gibt, die dann den fassungslosen Gerichten der an alle 7 Weltmeere angrenzenden Länder des Reichs von WMIA Inc. zur Entscheidung vorgelegt werden.
Zur Vermeidung von hohen Prozesskosten sei hier darauf hingewiesen, dass das Gedächtnisprotokoll des Interviewers kein belastbares Beweismittel darstellt, da ja wissenschaftlich erwiesen ist, dass das Gehirn der meisten Menschen signifikante Ähnlichkeiten mit einem Sieb aufweist.
Aus dieser Freiheit eines rechtsfreien Raums, den Dr. Nemo schon ganz alleine auch sonst ausfüllt, sei hier weiter berichtet.

Dr. Nemo : „Same procedure as always.“

Erinnerungen des Interviewers an den Silvesterslapstick „Dinner for one“ sind nicht zufällig.

Der Interviewer konnte die Vorstandsmitglieder nicht sehen, was allerdings angesichts der Farblosigkeit der Herrschaften auch nicht besonders ins Gewicht fiel.

Die Tagesordnung wurde herumgereicht.

Es war die zu jeder Vorstandssitzung wechselnde Speisenkarte fürs Mittagessen verbunden mit den Fußballergebnissen des letzten Wochenendes, besonders derjenigen des BVB. Dr. Nemo ist nämlich BVB-Fan und Präsident der UFO, also der „United Football Organisation“, die ja bekanntlich von einem anderen Stern kommt… aber das ist ein Thema, bei dem die Höflichkeit der Beschreibung lieber schweigt.

Überdies ist für diese Vorstandssitzung als ständiger Tagesordnungspunkt wie immer das Spiel „Schiffe versenken“ angesagt und die Aufgabe der von Minute zu Minute schöner werdenden Elvira ist es, dafür zu sorgen, dass Dr. Nemo immer gewinnt… sie flüstert ihm die Positionen der Schiffe der Mitspieler ins Ohr.

Nach einer kurzen Gedenkminute für die beim Untergang der „Titanic“ am 14. April 1914 verunglückten 83,4% der Unternehmensgründer auf ihrer Fahrt nach Panama, – Tradition wird hier in jeder Form gepflegt – nimmt die Sitzung ihren jedenfalls geplanten Verlauf.

Ein Vorstandsmitglied ruft laut „18, 20“, ein anderer rief „Passe“.

Dr. Nemo weist die Herren zurück. „Sie sind im falschen Spiel…“

Diese nur partielle Übereinstimmung im Vorstand darüber, welches Spiel gespielt wird, könnte man als die zweite Organisationsebene verstehen. Das ist die Ebene, in der die Beteiligten entweder gar nicht wissen, was gespielt wird oder lieber Skat als Schiffe versenken spielen wollen.

Anzeige

Zwei andere Vorstandsmitglieder füßeln unter dem Tisch. Offensichtlich gibt es also eine weitere, dritte, auf Emotionen beruhende Organisationsstruktur, die allseits zitierte soziale Komponente, die man auch mit verbunden Augen am Knirschen der maßgeschneiderten schwarzledernen enganliegenden Fußkleider, die sich um rosa geringelte Socken schmiegen, bemerken könnte.

„Nix da“, rief Dr. Nemo, „das Spiel heißt Schiffe versenken. Immerhin schläft die Konkurrenz nicht… also los geht’s!“

Das Spiel war digitalisiert, WMIA ist auf dem neuesten Stand mit „Schiffe versenken 4.0“.

Der weitere Verlauf der Vorstandssitzung steht im Sitzungsprotokoll, das Elvira bereits tags zuvor angefertigt hatte.

Irgendwo im Raum ist ein Geräusch vernehmlich, das an Holzsägen erinnert, dem aber niemand Beachtung schenkte.

Der Interviewer ist dann doch getröstet, ob der Erkenntnis dieser Vielfalt des Verhaltens der einzelnen Akteure oder genauer gesagt, Spieler, deren Verhalten er systemisch oder sogar als ein Phänomen angewandter Komplexität versteht, vielleicht aber auch überschätzt.

Man bricht schließlich nach der Zusammenfassung der zu erwartenden und vorher bekannten Ergebnisse dessen, was hier gespielt wird, zum Essen auf, nicht ohne zu versäumen, das fünfte Vorstandsmitglied – Spötter würden ihn das fünfte Rad am Wagen nennen – zu wecken.

Aus Respekt vor seinem Alter und auch deshalb, weil er das letzte überlebende Mitglied der Eigentümerfamilie ist, ließ man ihn die ganze Zeit über in Frieden. Die Putzfrau würde später den Kalk, der ihm aus der Hose gerieselt war… er leidet an einer Art Kalkinkontinenz, die man ja im fortschreitenden Alter nur noch mit besonderen Mitteln eindämmen kann – wegfegen.

Dieses spezielle Mittel zur Bekämpfung auch seniler geistiger Unkontrollierbarkeit hat den schönen Namen „Mo Ney“ ein Produkt aus Kaotistan, mit dem dort dem Vernehmen nach auch Herrchen knurrender Hunde oder Spätpubertätsstörungen behandelt werden. Der ältere Herr bekommt das Medikament jeden Monatsersten pünktlich gegen Vorlage eines Coupons bei seinem Dorfältesten.

Das Mittagessen wird im Vorstandscasino gereicht, dem Interviewer wird seine Brille zurückgegeben und mit großer Erwartung blickt er aufs Lunch.

Angerichtet ist entsprechend den Compliancerichtlinien – die Kürzung der guten Gaben an die Vorstände ist mit Rücksicht auf die Öffentlichkeit ja Mode – gut gegrillte Riesencurrywurst rot weiß, die jeder Bude in Dortmund als Benchmark dienen könnte und Pommes so viel man will. Im französischen Gourmetrestaurant gegenüber würde man letzteres Supplement Service nennen, aber angesichts dieses Essens nennen wir das lieber „Nachschlag“.

Der Interviewer entfernt gerade so unauffällig wie man das eben kann, das verkleckerte Ketchup von seiner Krawatte, ein mit der Post vorgestern übersandtes Geschenk von Dr. Nemo mit dem Emblem von WMIA Inc. Der Ketchupfleck störte das Corporate Design zwar nicht wesentlich, aber na ja …

Dann folgt er liebend gern dem Augenzwinkern von Elvira.

Elvira: „Dr. Nemo hat Freude daran empfunden, seine Welt mit Ihnen zu teilen. Zum nächsten Interview also am nächsten Dienstag, das ist übrigens sein Lieblingstag, möchte er Sie mit seinem engsten Berater bekanntmachen.

Das Lunch ist beendet und auf die Schlafmütze aus der Eigentümerfamilie wartet niemand mehr, zumal das altersgerechte Lutschen von Currywurst auch wenn sie ohne Knusperhaut serviert wird, doch zu lange dauert in dieser schnellen Arbeitswelt EinsPunktZweiPunktDreiPunktVierPunkt…

Elvira begleitet oder sagen wir lieber schwebt mit dem Interviewer zum Fahrstuhl… und wie sehr hätte er sich gewünscht, sie würde ihm so wie vorhin ihre samtene Hand reichen, aber so ist es mit den Wünschen… fast hätte er sich getraut.

Nun, wir werden sehen, was draus wird. Immerhin ist ja die Lücke zwischen dem Wörtchen „fast“ und der Realität der Tummelplatz der Träume. Eine alte Weisheit aus dem Controlling, die auch sonst Gültigkeit hat.

Am Fahrstuhl fand er wieder einen neuen Knopf, die Beschreibung auf dem Messingschild war in Blindenschrift gestanzt. Der Interviewer ging sicherheitshalber zu Fuß….

Im Hinausgehen durch die marmorne Halle blinken die Bildschirme und anstelle der Aktienkurse erscheinen heute Bilder von Dr. Nemo in Begleitung der Großen dieser Welt.
Es ist eben Dienstag, Vorstandssitzung bei WMIA Inc., Los Straneros…

Das Interview von und mit Kurt August Hermann Steffenhagen hier ebenfalls als Podcast.

Autor: Kurt August Hermann Steffenhagen

Über Kurt August Hermann Steffenhagen 120 Artikel
Der Autor Kurt August Hermann Steffenhagen entlarvt mit unglaublicher Energie, Geistesschärfe und ohne Blatt vor dem Mund veraltete Methoden, Ansichten und Vereinfachungen. Er war über 25 Jahre Berater und Coach im internationalen TopManagement. Sein Thema ist der Paradigmen-wechsel im Denken des Managements. Sein Buch zu diesem Thema mit dem Titel „Management by Farce: Der feine Unterschied zwischen Führung und Eierkochen“ erschien kürzlich im BusinessVillage Verlag.
Loading Disqus Comments ...
Loading Facebook Comments ...

No Trackbacks.

Kurt August Hermann Steffenhagen


Kurt August Hermann Steffenhagen



Jurist, M&A Coach und Autor

 

Home