Was eigentlich ist new an diesem #NewWork?

Gedanken von Ralf Volkmer
zu einer vermeintlichen FriedeFreudeEierKuchenWelt

Ich habe in den letzten Tagen einiges gelesen zu diesem #NewWork, nicht zuletzt auch in der von dem geschätzten Winfried Felser initiierten BlogParade dazu. Ich habe gegoogelt und auch das eine oder andere Buch dazu (quer) gelesen. Und ich muss gestehen, dass vieles an diesem #NewWork mich nicht überzeugt, dies weil ich nicht wirklich etwas Neues entdecken konnte bzw. das, was ich gelesen habe, bereits in anderen „Themenkomplexen“ gefunden hatte.

Wenn #NewWork ein zusammenfassender Begriff für all das ist, was schon teilweise vor Jahren publiziert wurde und damit ohnehin schon längst bekannt ist, dann ist dies bestenfalls toll, aber eben nicht mehr oder gar neu.

In fast allen Beiträgen wird natürlich von der Globalisierung geschrieben, welche quasi als Auslöser identifiziert wird, um sich darüber Gedanken zu machen, wie in Zukunft gearbeitet wird. Selbstverständlich wird – mit der x-ten Wiederholung – auf die Digitalisierung und allen daraus resultierenden „Folgen“ wie Industrie 4.0, Arbeit 4.0, SmartFactory etc. verwiesen. Begriffe wie Collaboration, Coworking Space, Creative Workspace und Crowdworker sollen dieses new wohl noch neuer machen. Für den gesellschaftlichen Anteil müssen dann noch die demografische Entwicklung und die zunehmende multikulturelle Gesellschaft herhalten. Damit dann auch noch das Management in ihrem Effizienzdenken überzeugt wird, werden „Großraumbüros“ neu erfunden und mit des Desk Sharing propagiert; schließlich spart man dadurch Quartmeter und hat somit weniger Raumkosten. Abgerundet wird das Ganze dann noch mit flachen Hierarchien gepaart mit einer Duz-Kultur und Unternehmensdemokratie sowie einer neuen Führungskultur.

Habe nur ich es nicht verstanden, was sich hinter diesem so wunderbaren #NewWork verbirgt? Wenn ja, dann bitte ich Sie um Hilfe! Ich habe nichts gegen neue Begriffe, aber ich mag es nicht leiden, wenn viele alte Weine durch noch mehr neue Schläuche gepresst werden.
Was mir in fast allen Beiträgen fehlt, ist der Bezug zum Kunden, welchem es ziemlich wahrscheinlich egal ist, ob das von ihm gewünschten Produkt NewWork-produziert wurde, solange es für ihn „sofort“, zu einem für ihn akzeptablen Preis und in der gewünschten Qualität verfügbar ist. Ich jedenfalls habe beim Discounter um die Ecke die Kassiererin danach noch nicht gefragt.

Apropos Kassiererin im Discounter um die Ecke! Haben Sie sich schon einmal gefragt, was sich der Zusteller Ihres Paketes, da Sie gestern noch eben schnell etwas bei Amazon bestellt haben, von NewWork hält? Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn Sie ab ca. Mitte November zehn Stunden am Tag Weihnachtslieder hören, weil Sie leider in einem Kaufhaus arbeiten. Stellen wir uns doch bitte einmal den Postzusteller in Frankfurt oder in einer anderen Großstadt, den Kollegen tief unten im Maschinenraum auf dem Shopfloor, die Pflegekräfte in Altenheimen, den Lagermitarbeiter bei dem bereits genannten Online-Versandhändler mit der breit gefächerten Produktpalette oder einfach nur die Hartz-IV-Aufstocker vor. Wo genau werden die bei all dem tollen #NewWork „berücksichtigt“? Ich habe dazu nichts gelesen und Sie?

Gelesen habe ich natürlich von Google und wie prima man dort arbeiten kann, gelesen habe ich auch, dass sich die CEOs der ganz großen Organisationen eine neue Kultur im Sinne einer „Neuen Arbeit“ von ihren Mitarbeitenden wünschen, gelesen habe ich zudem, dass Unternehmensberater sehr empfehlen, NewWork zu „implementieren“, denn sonst könnte es der Organisation wie einst Kodak und Nokia ergehen. Mit Verlaub, werte Autoren, das was Nokia und Kodak widerfahren ist, waren Managementfehler und das Yahoo die HomeOffices erst in Leben gerufen hat und nur wenige Monate später zurückgerudert ist, hat etwas mit Dilettantismus, wie diese HomeOffices dort eingeführt wurden, zu tun.

Wissen Sie, ich bin nicht gegen Neues, auch weil ich ein neugieriger Mensch bin. Ich finde all diese neuen Errungenschaften mehr als prima, schließlich gehöre ich einer Generation an, die noch vor einer „gelben Zelle“ stand, um die Jugendfreundin anzurufen. Ich habe in den letzten 30 Jahren ganz viel Neues erfahren dürfen, aber all diese hervorragenden Entwicklungen haben auch Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Wahrscheinlich müssen wir uns in Wirklichkeit über eine #NewSociety weit mehr Gedanken machen, als wir glauben und Antworten darauf finden, was zu verbessern ist. Aus meiner Sicht müssen wir uns dringend über das bedingungslose Grundeinkommen nicht nur unterhalten, sondern dieses einführen, nämlich dann, wenn wir bei vollem Lohnausgleich die Wochenarbeitszeit um 50% reduzieren, um das, was wir vor Jahren outgesourct haben, nämlich die Kindererziehung und die Pflege unserer „Alten“ wieder in die Familie reintegrieren, dann müsste auch nicht mehr jeder Jugendliche unbedingt Abitur machen.

Sie mögen mich für spießig, wenig aufgeschlossen für Neues oder was auch immer halten. Ich kann mit diesem NewWork, so wie es propagiert wird, nichts anfangen … dies da ich daran – und das möchte ich nochmals betonen – nichts wirklich Neues erkennen kann.

In diesem Sinne
Ralf Volkmer

Über Ralf Volkmer 16 Artikel
Ralf Volkmer ist Lean Manager, Moderator & Coach bei der Learning Factory und beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Lean Production. Seine Schwerpunkte liegen hierbei im Aufbau eines ganzheitlichen Lean Managementsystems sowie in der Integration und Entwicklung einer operativen und kontinuierlichen Verbesserungs- & Coaching-KATA in der Produktion und allen produktionsnahen Bereichen. Ein weiterer Fokus seiner beruflichen Tätigkeit ist die Durchführung von Verbesserungsworkshops und Projekten sowie das Coachen von Führungskräften im Veränderungsprozess.
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Lean-Coach und Experte
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