Wie man garantiert nicht nach oben kommt!

Die Ego-Politur eines Möchtegernstars

Mit Beginn der 2000er Jahre verblaßten die einstigen Sterne, wie Lejeune, Schäfer und Höller am Business-Showhimmel. Die Matadore hatten ihren Glanz verloren. Patina befiel sie. Der Markt brauchte neue Personen und Kollektionen. In diese Lücke stieß Martin Limbeck. Er strebt den Rang eines A-Prominenten an. Mit seinem Buch ‚Das neue Hard Selling‘ hat er in Verkäuferkreisen Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nun lag es nahe, sich der Nation als Nachfolger der verbrauchten Erfolgsapostel anzubieten. Gesagt, getan. Es zeugt von einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung zu glauben, der eigene Lebenslauf habe gesellschaftliche Relevanz. Am PC eines Ghostwriters, so meine Vermutung, entstand seine sprachlich-prollige Autobiographie, mit der er seinen Lebensweg als Gebrauchsanleitung für den Marsch nach oben anpreist. Das Prollige wird an seiner Vorliebe zu Fäkalbegriffen deutlich. Hier eine Kostprobe: Arsch, Wichser, Arschloch (sein Lieblingswort), beschissen, „eins auf die Fresse bekommen“, saufen,  geil, „geile Gewinnspanne“, Scheiße, „das ging mir so was von auf den Sack“ und anderes mehr. Man merkt, er schreibt für den Boulevard oder läßt schreiben.

Seine Autobiographie folgt der amerikanischen Schablone ‚Vom Tellerwäscher zum Millionär’. Es handelt sich um eine von Narzißmus getränkte, bis in das Detail gehende Beschreibung einzelner Lebensabschnitte, die sich aus diversen Anekdötchen zusammensetzen. Er spannt den Bogen von „Martin dem Kleinen“ bis zu „Martin dem Guru“. Man erfährt dieses und jenes über Franz, Jens, Günther und andere Weggefährten, über böse und gute Lehrer, angenehme und unangenehme Chefs und Kollegen, hübsche und häßliche Frauen, den Club 55 und seinen Kumpel Hans-Uwe Köhler.

Limbeck der Egozentriker

Limbeck oder seine Ghostwriterin (Frau Spiekermann?)  schreiben in der ersten Person mit einer Ich-Betonung, wie man sie selten antrifft. Man darf auf eine extreme, ja vielleicht sogar psychopathologische Egozentrik schließen. „Ich, ich, ich“ (S. 90). Als guter Trainer, der er sein will, sollte er eigentlich um die kommunikative Wirkung der Teilnehmer- beziehungsweise Empfängerorientierung wissen, also um Pronomen der zweiten Person, Sie, Du, Ihr.

Wer erfahren will, zu erfahren, warum keiner will, daß er (der Leser) nach oben kommt, legt das Buch nach den ersten zwanzig Seiten beiseite. Da nützt auch der Untertitel nichts ‚…und wie ich (Limbeck) es trotzdem geschafft habe‘. So wichtig ist Limbecks Biographie nun auch nicht, daß man sich bis zur letzten Seite durch alle seine Anekdötchen hindurchquält. Außerdem, was heißt ‚oben‘?

Der große Martin tut kund, daß die Welt ungerecht ist, sich alle gegen ihn verschworen hatten und ihn unten halten wollten. Alle waren und sind seine Feinde, außer Hans Uwe Köhler und der Club 55. Das erklärt seinen Jargon, der streckenweise an Bücher zu japanischen Kampftechniken erinnert, die in den 1980er Jahren Konjunktur hatten: „Die Lücke, den Vorteil, die Gelegenheit entdecken. Immer  im Kampfmodus“; (61) „Wenn Du nach oben willst, „mußt du alle diese Gegner einen nach dem anderen überwinden“ (101). So wie er sich darstellt, ist er der Supersamurei des Verkaufs.

Machosprüche

Über sein Verhältnis zu Frauen gibt er bereitwillig Auskunft: „…und wenn ich was wollte, dann bekam ich das auch. So war ich’s gewohnt“ (S. 84). Über den Kennenlernkontakt mit seiner ersten Frau schreibt er: „Ich führte ein Verkaufsgespräch. Elf Gemeinsamkeiten arbeitete ich als schlagende Verkaufsargumente heraus“ (85). Die spätere Ehe mit dieser Dame erwies sich „als Fehlkauf“ (88). Wahrscheinlich gab er sie als Garantiefall zurück.

Eines Abends stand eine Dame namens Angela (90-60-90) vor seinem Hotelzimmer. „Sie stand auf mich… Ihre Verpackung war extrem geil mit einem Mega Dekolleté… Zwischen ihrer geballten Weiblichkeit und meiner geballten Männlichkeit waren nur 30 cm…“ Aber unser Sells-Hero blieb moralisch standhaft, obwohl er bekennt „jedes Mädel, das einigermaßen im Beutealter war, angebaggert“ zu haben (126).

Vieles ist sehr dick aufgetragen. Damit nimmt er sich selbst die Wirkung. Er stellt sich hemdsärmelig bis prollig dar. Ich, der Ruhrpottbub, bin einer von unten, der denen da oben (dank meines Geldes und Wohnortes Königstein) jetzt ebenbürtig ist. Durchgehend betont er seine Anti-Intellektualität: „Insbesondere mit Leuten, die sich intellektuell, studiert und promoviert gaben, hatte ich so meine Probleme“ (117). Ausführlich beschreibt er die Segnungen seiner Porsche-Kreditkarte, die ihm als Inhaber eines Doppelpacks (Boxter und Cayenne)   zusteht. Trainingsgurus wie Höller, Schäfer, Robbins und andere exhibitionieren sich auch mit ihrem Luxus. Haben statt Sein.

Geld ist das durchschimmernde ‚Wasserzeichen‘ des Buches. „Die Geldberge waren schneller angewachsen als meine Persönlichkeit“ (115). Durch das ganze Buch hindurch deutet er immer wieder an, daß er vermögend ist, aber erklärt mit viel Understatement, daß er sich nichts aus Geld mache. Seine Geschichte wird mit Selbstbekenntnissen angereichert, die keine sind. Man merkt, sie dienen als ‚Storywürze‘.

Leistung garantiert keinen Erfolg

Limbecks Arbeitsmotto lautet ‚erst schaufeln, dann scheffeln‘. Er wiederholt diesen Satz so regelmäßig wie das Stundengeläut einer Kirchturmuhr, besonders an den Stellen, an denen es ihm um Leistung und Erfolg  geht. Was er dabei aber übersieht: Erfolg setzt Leistungen voraus, aber Leistung  garantiert keinen Erfolg. Immer mehr Menschen müssen erfahren, daß mit Fleiß ausgeführte Erwerbsarbeit längst nicht mehr wirtschaftliche Sicherheit, beruflichen Erfolg und sozialen Aufstieg garantiert. Leistung und Erfolg entkoppeln sich tendenziell immer mehr.

Auch seine mehrfach wiederholte These ‚Fleiß schlägt Talent‘ mag vielleicht für ihn als Verkäufer von Rank Xerox-Fotokopiergeräten gegolten haben, aber kein noch so fleißiger Musiker wird das musische Niveau eines Mozarts erlangen. ‚Work smarter, not harder‘, wäre die bessere Empfehlung gewesen.

Das Vorwort von Walter Kohl, Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers, macht das Buch nicht wertiger. Es ist der Versuch, es mit einem halbierten Prominentenbonus zu veredeln. Herr Kohl sollte wissen: Wer dieses Buch belobigt, stuft sich selbst herab.

Martin der Große schreibt: „Auf dem Weg ein feiner Mensch zu werden, brauchst du vor allem eins:  ein ehrliches Feedback…Du darfst Dich glücklich schätzen, wenn du so etwas ab und zu um die Ohren gehauen bekommst“ (125).
Mein Feedback lautet: Dieses Buch beschreibt, wie man garantiert nicht nach oben kommt.

Autor: Prof. Dr. Walter Simon

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Über Prof. Dr. Walter Simon 14 Artikel
Prof. Dr. Walter Simon erlernte zunächst den Beruf des Drogisten und fuhr anschließend zur See. Er studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main sowie an der Sophia-Universität in Tokio. 1979 wurde er mit einer volkswirtschaftlichen Dissertation über den Einfluss von Wirtschaftsverbänden auf die EU-Institutionen zum Dr. rer. pol. promoviert. Nach dem Studium trat er bei der AEG-Telefunken AG in das Berufsleben. 1982 gründete er das Innovationsteam für Produktion und Wirtschaft GmbH (IPW-Training und Consulting GmbH), aus dem später das Corporate University Center hervorging. Von 1996 bis 2002 hatte er den Lehrstuhl 'Strategisches Management/HR-Management' an der staatlichen Wiesbadener Business School (University) inne. Simon zählt zu den bekannteren deutschen Wirtschaftstrainern, Zukunftsberatern und Business-Speakern. Zudem ist er der Autor von 20 Büchern und mehr als 200 Artikeln zu Fragen der Personal- und Unternehmensführung.
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Prof. Simon

 

Prof. Dr. Walter Simon

 

Wirtschaftstrainer, Zukunftsberater,
Business-Speaker und Autor

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