Der Arbeitskraftunternehmer

Zu Beginn der 2000 Jahre beschrieben Günter Voß und Hans Pongratz eine Transformation von Arbeitnehmern hin zu Arbeitskraftunternehmern. Mit dem Arbeitskraftunternehmer schilderten sie eine Lebensweise, welche sich durch eine zunehmende Selbstkontrolle der Arbeit, einen immer stärkeren Zwang zur Ökonomisierung der eigenen Arbeitsfähigkeit sowie durch eine immer größer werdende „Verbetrieblichung“ des eigenen Lebens auszeichnet. In diesem Beitrag möchte ich das Modell des Arbeitskraftunternehmers und das gesellschaftliche Umfeld, welches ihn bedingt, näher umschreiben.

Nach Gilles Deleuze leben wir heute in einer Kontrollgesellschaft. Der Mensch wird nicht als etwas Fertiges oder Abgeschlossenes begriffen, sondern als Dividiuum. In einer Welt, die sich ständig im Wandel befindet, müssen sich die Menschen auf immer neue Anforderungen einstellen. Ein kreatives und innovatives Denken zu entwickeln, gilt als ein Muss, um die neuen Herausforderungen bewältigen zu können. Der Wettwebewerb zwischen den Menschen soll immer noch effizientere Lösungen hervorbringen. Dafür beobachten und bewerten sich die Menschen und deren Leistungen ständig gegenseitig. Das Prinzip des Panoptikums löst sich von den sichtbaren Mauern des Gefängnisses und prägt sich als Denkraster in den Köpfen der Menschen ein.

Anders als bei Gefängnissen treten wir in die Systeme der Kontrollgesellschaft freiwillig ein, weil wir zum Beispiel einen bestimmten Job wollen oder um gewünschte Fähigkeiten zu erwerben. Nach Sven Optiz nehmen wir damit die Pflicht zur ständigen Modulation an, die uns dann unter Zugzwang versetzt, ihr immer wieder nachzukommen. Es reicht auch nicht mehr aus, die Normen bloß zu erfüllen, sondern immer neue Höhepunkte müssen gemeistert werden.

Die Identität einer Person ist damit nicht mehr etwas Fixes, sondern ein lebenslanges Projekt, das je nach den Bedürfnissen umgestaltet und neu zusammengestellt wird. Das Dividuum ist damit ein Baukasten der je nach den angestrebten Zielen neu bestückt wird. Die Bestückung richtet sich dabei nach den „erlernten“ Denkrastern der Person und den Anforderungen der Umwelt, um eine soziale Konformität herzustellen und Anerkennung zu finden.

Das Streben diesen Ansprüchen gerecht zu werden, führt dazu, dass Menschen dementsprechende Lebensläufe und Lebensrahmen gestalten wollen. Man beginnt aktiv sein Leben in einer Form zu gestalten, die vom herrschenden Gefüge eingefordert wird. Die erhaltene Freiheit der Menschen wird durch die Verantwortung bezahlt, dass man sich selbst permanent unter den Gesichtspunkten des Marktes optimiert. Dieser stellt die Leitlinien dar, die als Orientierung für das eigene Leben dienen. Der Mensch wird damit selbst zu einem Wirtschaftsubjekt gemacht, welches selbst Strategien für den effizienten Einsatz der eignen „Ressourcen“ zu erstellen hat.

Diese Entwicklungen sehen wir nicht nur bei Selbstständigen, sondern auch immer mehr in „normalen“ Beschäftigungsverhältnissen. Auch hier werden immer mehr Stabilitäten abgebaut und einer zunehmenden Flexibilisierung geopfert. Dies geschieht, um schneller und flexibler auf die Veränderungen der Umwelt und auf den Märkten reagieren zu können. Mit der vielfach eingeführten selbstverantwortlichen Steuerung wurden der Ort und die Zeit, der Arbeit flexibilisiert und in den Verantwortungsbereich der Mitarbeiter verschoben. Die gewonnene Freiheit auf der einen Seite bringt auf der anderen Seite die Gefahr der Überdehnung mit sich. Dies kann in ein sich ständiges „Nur-mehr-Durchwursteln“ übergehen und eine Perspektivlosigkeit befördern.

Mit dem Modell des Arbeitskraftunternehmers (AKU) haben Voß/Pongratz diese neuen Formen der Arbeits- und Lebenswelt beschrieben. Der Arbeitnehmer ist für sich selbst verantwortlich und arbeitet in Eigenregie von Projekt zu Projekt. Charakterisiert haben Voß/ Pongratz den AKU entlang der oben erwähnten drei Hauptdimensionen. Diese sind: erweiterte Selbst-Kontrolle, verstärkte Selbst-Ökonomisierung und verstärke Selbst-Rationalisierung.

Die Arbeitskraft ist die Ware des AKU, welche er verkaufen muss. Es obliegt ihm, diese zu managen. Die Arbeitskraft ist aber nicht nur seine Ware sondern auch sein Kapital und seine Ressource, die er konkurrenzfähig halten muss. Dies beinhaltet sich Schlüsselqualifikationen anzueignen und Eigenwerbung zu betreiben, um sich gegen die Mitbewerber durchzusetzen. Dies wiederrum befördert die Entgrenzung und „Verbetrieblichung“ der Arbeit. Mit anderen Worten verschwimmen dadurch bei vielen immer stärker die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Immer häufiger werden Beziehungen dann zu strategischen Beziehungen. Der Verwertungszwang führt dazu, dass immer mehr Menschen immer weniger auf die Tiefe in einer Beziehung vertrauen. Diese fehlende Qualität in den einzelnen Beziehungen versuchen sie dann durch eine möglichst große Anzahl an „oberflächigeren“ Beziehungen auszugleichen.

Autor: Dr. Thomas Daniel Zabrodsky

 

Loading Disqus Comments ...
Loading Facebook Comments ...

No Trackbacks.

Zabrodsky - Bild_150px


Dr. Thomas Daniel Zabrodsky

Externer Lehrbeauftragter für Personal & Organisation
Universität Innsbruck

 

XING 32px